Zwölf Stunden

Aufforderung zum Tanz

Wenn 2800 Gäste einen rauschenden Ball feiern, werden Service und Organisatoren nicht geschont. Sie bereiten Damen in glamourösen Roben und Herren im Smoking eine unvergessliche Nacht

09:00: "Mehr als 8000 Gläser verwenden wir heute Abend", sagt Lisa Siegmann und platziert ein Weißweinglas an seinen Platz. Mit viel Sorgfalt deckt die 20-Jährige die Tische im Saal des Maritim Hotels in Tiergarten. Im Salon Berlin nebenan sind ihre Kollegen mit den Tellern beschäftigt. Insgesamt decken sie 195 große Tische. Zwischen den Stühlen hockt Regieassistentin Cecile Dütsch, vertieft in den Ablaufplan des heutigen Abends. Lisa Siegmann ist etwas aufgeregt beim Gedanken an das große Ereignis, den alljährlichen ADAC-Ball. Die Auszubildende legt Besteck neben die Teller, sorgt für Wasserkühler, Pfeffer, Salz und die Tischnummer-Schilder. Alles hat seinen Platz.

10:10: Klavierstimmer Tim Rienars sitzt im Salon Berlin auf der Bühne und versucht, einen Steinway-Flügel fit für den Abend zu machen. Um ihn herum erklingt der typische Handwerker-Sound: Akkuschrauber, Hammerschläge, Zurufe der Arbeiter. Dann möchte einer der Künstler mit der ersten Probe beginnen. Tempo, Tempo. Im großen Saal Maritim, in dem heute die Band "Wirtschaftwunder", Peter Kraus und das Swing Dance Orchestra auftreten werden, hat er ebenfalls einen Flügel gestimmt, genau wie im Foyer. Bis zu den Proben muss alles fertig sein.

10:30: Bei Marino Unterwalder und seinem Team läuft alles wie geschmiert. Aufgabe der Automobilpfleger ist, die Autos, die während des Balls ausgestellt werden, in Szene zu setzen. Gerade versorgen sie einen Mercedes im Foyer. Sie nehmen die Räder ab und montieren sie so wieder an, dass die Mercedes-Sterne auf den Felgen gerade stehen. Dann füllen sie den Tank aus einer großen Gasflasche mit Stickstoff. Der legt sich auf die Kraftstoffgase. "Das ist Vorschrift, wenn die Autos in geschlossenen Räumen wie hier ausgestellt werden", erklärt der 35-Jährige. Zum Schluss polieren sie den Lack mit Ausstellungswachs und reinigen Motorraum und Scheiben.

10:50: Im Saal Maritim wird es plötzlich laut. "I want it all" von Queen dröhnt über die festlich gedeckten Tische hinweg. Das Ensemble des Musicals "We will rock you" probt seinen Auftritt, der für 0.50 Uhr in der kommenden Ballnacht auf der Bühne vor der Tanzfläche eingeplant ist. Unbeeindruckt von der Lautstärke, fährt Tobias Böcking mit seiner Lichtprobe fort. Der Lichtoperator beleuchtet die Bühne hell, dunkel und zwischendurch kreischend bunt.

12:00: Nadia Hajj-Khalil legt auf jede gläserne Kugelvase einen Magnolienzweig. "Das passt gut zu den Orchideenblüten, die darin liegen", sagt die angehende Floristin. Seit acht Uhr ist sie im Einsatz, dekoriert mit Kollegen die Säle mit Blumen. Auf den Tischen stehen langstielige Gläser mit pinkfarbenen Orchideen, weißen Hortensien und knallgrünen Limetten. "Es ist viel Arbeit, aber wir kommen gut voran. Bis 17 Uhr müssen wir fertig sein."

12:15: Zwischen den Musikinstrumenten der Bands steht im Saal Maritim ein Oldtimer. Walter Müller, Vorsitzender des ADAC Berlin-Brandenburg, inspiziert die Bühne.

13:00: Das Funkgerät piept, dann knackt es. Eine Stimme sagt: "Jana, drucke bitte Version sieben des Ablaufplans fünfmal aus. Die Techniker hinter der Bühne haben immer noch Version drei!" Jana Schuh ruft einen Kollegen im Saal Maritim an. "Ist Nazan Eckes schon an der Bühne?" Die 20-jährige Veranstaltungskauffrau steuert vom Ballbüro im ersten Stock den Ablauf der Veranstaltung unten im Saal. Sie muss dafür sorgen, dass Menschen und Material zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Also auch Moderatorin Nazan Eckes. Seit dem Vortag um sechs Uhr ist sie mit der Planung beschäftigt. Seitdem hat sie nur drei Stunden geschlafen. Der halbe Tag und die ganze, lange Ballnacht liegen noch vor ihr. "Aber das gehört zum Job dazu, das ist normal", sagt sie tapfer.

13:10: Bankettkoordinator Mario Schulz hilft den Floristen, große Blumengestecke mit Orchideen, Lisianthus-Blüten und Palmblättern in den Saal zu tragen. Danach untersucht Schulz alle Räume auf Stolperfallen und überprüft die Fluchtwege. Nichts darf im Weg stehen, kein Kabel soll lose baumeln. Immerhin flanieren hier heute Abend Tausende von Menschen.

13:30: Sehr zerbrechlich sind die Schokoblumen, die die Joghurt-Waldfrucht-Torten zieren. Chef-Pâtissier Gil Avnon (41) stellt sie einzeln und ganz vorsichtig in einen Ständer, um sie bis heute Abend auf dem Dessert-Buffet ins vier Grad kalte Kühlhaus zu verfrachten. Außerdem wird es herrliche Süßigkeiten wie Crème Brûlée und Schokoladen-Tarte geben. Avnon behält sogar im Auge, dass alle Deko-Schokoröllchen in die gleiche Richtung zeigen. "Wir bauen das Buffet in ein paar Stunden auf und pflegen es dann während des gesamten Abends", sagt er.

15:30: Immobilienkauffrau Leticia Döring (28) hat heute als Debütantin ihren großen Auftritt. Soeben hat die Beauty-Lounge ihre Türen geöffnet. Dort können sich die Besucherinnen Haar und Make-Up stylen lassen. Leticia Döring ist eine der ersten. Später werden Hunderte von Gästen im Ballsaal ihren Auftritt beobachten. "Ich freue mich so sehr. Früher war ich Turniertänzerin - das ist heute wie ein Traum, der in Erfüllung geht." Dann muss sie stillhalten, denn Stylistin Anna Brichmann (23) will anfangen.

18:15: 350 Amuse-Gueules bereitet Starkoch Kolja Kleeberg mit seinen Kollegen zu - in drei verschiedenen Varianten. Eine ist Safranrisotto mit geschmolzenem Thunfisch. "Die kalten, dünn geschnittenen Thunfischscheiben schmelzen auf dem warmen Risotto", erklärt er und dreht sich rasch wieder zu seinen Helfern um. Es gibt noch viel zutun. Kleeberg steht bis 20 Uhr in der Hotel-Küche und versorgt von dort aus die Gäste des VIP-Empfangs.

19:40: Während am Eingang noch die letzten Karten verkauft werden, hat Detlef Friedebold, stellvertretender Vorsitzender des Allgemeinen Blinden- und Sehbehinderten-Vereins mit seiner Frau Frohmut im großen Saal Platz genommen. "Wir waren ein bisschen spät dran heute, weil meine Tochter Anika so getrödelt hat", sagt er amüsiert. Zum 20. Mal ist er auf dem ADAC-Ball. Seit 1967 ist er ADAC-Mitglied. "Ich freue mich schon sehr auf die gute Musik, vor allem auf mein Lieblingslied 'New York, New York'." Der 63-Jährige tanzt am liebsten Foxtrott. "Und meine Frau liebt Samba, da legt sie richtig los."

20:00: 20 Debütantenpaare, angekündigt von Nazan Eckes, schreiten von links und rechts auf die Tanzfläche. Die goldenen Kleider der Damen schimmern im Scheinwerferlicht. Das Orchester beginnt. Walzer, natürlich. Die jungen Damen und Herren sehen stolz und aufgeregt aus. Sie eröffnen mit ihrem Tanz den Ball.