Film: The Dust of Time

Spiegelbilder im Staub der Zeit

Die Geschichte einer Liebe, eines halben Jahrhunderts und gleich der ganzen Welt, sie beginnt wie alles beim Kino in einem großen Filmstudio. Natürlich in Cinnecittá, in dessen Kulissen einst das antike Rom entstand und heute ein frustrierter amerikanischer Regisseur (Willem Dafoe), der griechischer Abstammung ist und auf den Namen A. hört, bei Dreharbeiten für seinen neuen Film feststeckt.

Er schaut sich in den schmucklosen Produktionsräumen alte Ausschnitte an, auf denen russische Soldaten vor Stalin paradieren - und schon beginnt ein ganz eigener Film in seinem Kopf zu arbeiten. Wir sehen dunkle Bahnwaggons, dunkle Kinosäle und einen männlichen Helden von hinten, der aus dem Film Noir gesprungen sein könnte.

Es geht um einen griechischen Kommunisten, der Anfang der 50er-Jahre vor dem Bürgerkrieg ins Exil in die UdSSR flieht, seine Geliebte in einem Straßenbahnwaggon vor einem Stalin-Denkmal schwängert und verhaftet wird. Währenddessen geht diese Eleni (Irène Jacob) ins Exil nach Sibirien, begleitet vom treuen Freund Jakob (Bruno Ganz), der sie liebt, aber nicht haben darf, weil diese zwischen Kasachstan, Kanada und Kurfürstendamm nur an den Geliebten Spyros (Michel Piccoli) denkt und schreibt, den Vater ihres Kindes - welches - o Wunder! - unser Regisseur A. ist, der jenen Film, den wir gerade gesehen haben - die Geschichte seiner Eltern - einfach nicht fertig erzählen kann.

Ja, "The Dust of Time" ist wahrlich ein Film von Theo Angelopoulos, dem großen griechischen Filmräsonneur und -erzähler, der mit meist verschachtelter Erzählweise und großen filmischen Tableaus Zeitgeschichte, Menschendrama und Meditation über das Kino an sich festhält. Große Bilder sind dabei herausgekommen - unvergessen die Trauung von Braut und Bräutigam über den Grenzfluss zwischen Nordgriechenland und Mazedonien hinweg im "Schwebenden Schritt des Storches". Oder zuletzt in "Die Erde weint" - erster Teil der nun fortgesetzten Trilogie über Flucht und Entwurzelung der Griechen in der weiten Welt - jenes unglaubliche Bild eines Baumes, an dem tote Schafe hängen.

Von solchen magischen Momenten ist "The Dust of Time" weit entfernt. Es scheint, als habe sich tatsächlich der Staub der Zeit auf Angelopoulos' Film gelegt. Wir haben wieder politische Geschichte, die sich im Privaten spiegelt, aber vielleicht ist ein halbes Jahrhundert Weltgeschichte von Stalins Tod über den Watergate-Skandal bis zur Wiedervereinigung doch zu viel Folie für das bisschen Ménage à trois, von der der Film erzählt.

Wir haben wieder die Figur eines zweifelnden Regisseurs als Erzähler, aber das bisschen Liebesleiden, das er mit seiner Ex-Frau Helga (Christiane Paul) und seinem Töchterchen Eleni hat, ist doch eher belanglos. Und ja, es gibt wieder diese Momente, wo der Film kurz den Atem anhält: etwa die Menschenmenge, die sich am Todestag des Diktators schweigend vor einem Stalin-Denkmal versammelt.

Doch letztlich ist die Inszenierung zu selbstverliebt und unentschlossen, als dass sie einen in den Bann zu ziehen vermag. Eine Szene verdeutlicht den Unterschied. Während Angelopoulos in seinem Meisterwerk "Der Blick des Odysseus" einen abgeschlagenen Lenin-Kopf für viele theatralische Minuten auf einem Fluss transportieren lässt, landet hier die abgeschlagene Büste Stalins in einer Rumpelkammer in Sibirien. Möge der Staub der Zeit genauso auf ihr ruhen wie auf diesem Film!

Drama: Griech./I/D/F/Russland 2008, 128 Min., von Theodoros Angelopoulos, mit Willem Dafoe, Irène Jacob, Bruno Ganz, Michel Piccoli, Christiane Paul

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