Gourmetspitzen

Saftige Hirsch-Roulade mit Blick auf Wasser und Wald

Restaurants am Stadtrand, die zum Essen den schönen Blick auf Wasser und Wald gratis bieten, werden zu Unrecht stets mit Sommer, Sonne und Urlaubslaune in Verbindung gebracht. Das sorgt häufig für ein begrenztes Saisongeschäft.

Ich habe eines der schönsten Lokale, sowohl von der Lage, unmittelbar am Saum der Havel, als auch vom Ambiente (Landhausstil) mitten im brutal kalten Winter besucht und mich in diesem so genannten Ausflugsrestaurant mit angeschlossenem Hotel ausgesprochen wohl gefühlt. Mit einer recht bunt gemischten Gästeschar war die Kajüte gut besucht. Der Chef des Hauses, Mathias Wolf, sieht das auch als Erfolg seiner Strategie, mit einem "kulinarischen Kalender" für alle Jahreszeiten die Klientel zu binden. Das Restaurant bietet 100 Plätze innen und 150 draußen, wenn es wieder warm wird.

Der Spagat zwischen anspruchsvoller Küche und der Nachfrage nach einem schnellen Salat oder Strammer Max à la Kajüte mit Brot, Eiersalat, Krabben und Schnittlauch gelingt zumeist. Jochen Trus, Moderator von Spree-Radio, bekam beispielsweise ein Tartar am Tisch angerichtet. Zwar eine kleine Portion, aber klassisch mit allen Zutaten gewürzt. Für mich war Fisch der Einstieg. Der weiße Heilbutt mit knackigem Safran-Fenchel auf bunten Linsen war in Ordnung. Und er bekam seinen Kick durch den ausgebratenen herzhaften Chorizo-Chip. Davon hätte ich mir einen mehr gewünscht.

Die vom Preis-Leistungs-Verhältnis empfehlenswerte Vorspeise ist gewiss die gewaltige Portion von sechs ausgewachsenen Riesengarnelen in Knoblauch-Kräuterbutter für 15,90 Euro. Was ich dagegen überhaupt nicht verstehe, bleibt die Mode- Erscheinung, alle Gerichte irgendwie mit Süße und total verfremdende Aromen zu entstellen. Selbst hier, wo die rustikale Linie doch klar vorgegeben ist, kombiniert der Küchenchef die Jakobsmuscheln mit Rotwein-Birnen-Kompott und setzt noch Mandelschaum dazu. Zufrieden waren wir mit der saftigen, gut gewürzten Hirsch-Roulade (auf den Punkt gegart) mit dem Wintergemüse schlechthin, Rosenkohl, und dazu deftige Speck-Kartoffeln.

Am Nebentisch wurden Gänsekeulen mit Rot- und Grünkohl serviert. Die Gäste zeigten sich ebenfalls zufrieden. Das war ich auch mit der Produktqualität meines Rinderfilets. Allerdings hatte der Koch das kostbare Fleisch in Scheiben geschnitten, was für mich schlechthin unmöglich ist. Während eine der beiden Scheiben wenigsten medium gebraten war, ich hatte medium rare (blutig) bestellt, war die andere "mausetot", total durchgebraten. Schlichtweg ärgerlich. Da muss der liebenswerte Inhaber, der sein Handwerk einst beim legendären (leider zu früh verstorbenen) Karl Stiele im First Floor im Hotel Palace erlernt hat, seine Erfahrung einbringen. Denn auch das zur Krönung des Filets aufgelegte Scheibchen Entenleber war viel zu lange in der Pfanne und von der Konsistenz grau und unansehnlich.

Auf den Punkt gegart waren dagegen die Bohnen, im Bündchen serviert und mit Speck umwickelt. Während die Nachspeisen Standards sind, so Bratapfel, Creme brûlee und Crepe Suzette, finde ich es erwähnenswert, dass die kleinen Gäste eine eigene Kinderkarte haben. Darauf finden sich Gerichte, die nicht in das Bilderbuch der Gourmandise gehören, die aber die Kleinen als einfach köstlich empfinden, wie Fischstäbchen, Nudeln mit viel Tomatensauce oder Hähnchen mit buntem Gemüse.

Der Service war liebenswert und persönlich und handwerklich gut geschult. Dagegen kann ich die Weinkarte nur als Pflegefall bezeichnen. Zwar etliche offene Weine, aber nicht einen einzigen akzeptabeln Bordeaux oder Burgunder. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist insgesamt sehr ordentlich. Das Vier-Gang-Menü steht mit 43 Euro auf der Karte. Beim Garnelen-Abend können die Gäste für 19,90 Euro soviel genießen wie sie wollen.

Die Kapitän's Kajüte hatte im "alten Westen" vor der Wende hohes Ansehen, war jedoch später zeitweise ganz von der Bildfläche verschwunden. In den 70er-Jahren, als der britische Stadtkommandant nebenan residierte, landete auch die Queen in Gatow, und Prinzessin Anne speiste hier. Nach längerer Pause öffnete dann Wolf die komplett restaurierte Kajüte und bietet Gästen, die vom Bett aus das Wasser sehen möchten, eine Reihe gemütlich eingerichteter Zimmer im Landhausstil. Am 19. Februar lädt der Küchenchef zum Kochkurs ein, der mit anschließender Degustation des eigens zubereiteten Vier-Gang-Menüs abgeschlossen wird.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Restaurant & Hotel Kapitän's Kajüte Alt-Gatow 23, Gatow, Tel. 36 99 16 48, täglich ab 12 Uhr geöffnet, Küche bis 22 Uhr, Kreditkarten werden akzeptiert. Im Internet: www.kapitaenskajuete.de