Zwölf Stunden

Drama, Baby, Drama!

Mode ist ein Berliner Wirtschaftsfaktor. Bei Fashion Week, Premium und Bread & Butter geht es bis Sonntag wieder um schöne Models, den schönen Schein und möglichst schöne Umsätze

07:30 Andy Haller, der leitende Handwerker, hat schon den zweiten Kaffee intus. Es ist kalt am Bebelplatz vor dem Hotel de Rome in Mitte und Stille herrscht im Zelt der Fashion Week. Der Glamour kommt erst tags darauf hinzu, wenn die Show beginnen, wenn Fachpresse, Models, Designer und all die anderen Fashion-Süchtigen der Fashion Week zeigen und aufsaugen, was die nächsten Trends sein könnten. Jetzt misst Andy Haller Höhe und Breite des Durchgangs auf dem Laufsteg. Einer der Designer möchte dort für seine Show einen Vorhang haben. Ein Gestell muss her.

08:16 An einer Verblendung im Dressing-Bereich hinter dem Catwalk fehlt noch der schwarze Molton. Eine Aufgabe für die Dekorateurin Gesa. Andy ruft sie über das Funkgerät, das an seinem Hosenbund steckt.

09:00 Zwischen dem Hotel de Rome und dem Zelt der Fashion Week stehen die Lastwagen Schlange. Getränke, Heizungstechnik, Stühle. Einer nach dem anderen lädt seine Waren aus. Dem Portier vom Hotel de Rome ist das ein bisschen zu viel Gewusel. "Und dann auch noch die Baustelle an der Oper. Was für ein Krach."

10:12 Am Zelteingang Unter den Linden hat der Schalter für die Presseakkreditierungen geöffnet. Johanna und Cosima fahren die Laptops hoch. Nur ausgewählte Journalisten und geladene Gäste dürfen zu den Schauen. Noch ist der Andrang aber gering. "Die meisten Journalisten akkreditieren sich erst kurz vor der Show", sagt Cosima.

11:04 Im Café-Zelt nebenan ist es mollig warm. Belegte Brötchen, Croissants und heißer Kaffee erwarten die Arbeiter. Für die Handwerker, die manchmal sogar die ganze Nacht durcharbeiten, wird sichtlich gut gesorgt.

12:00 Ela Küster, die Backstage-Managerin, klappt die Schminkstühle vor den Spiegeln auseinander. Hier werden die Models zurechtgemacht. Es ist Elas achte Fashion Week. So langsam ist der Job Routine. "Trotzdem passiert immer wieder mal was Neues. In diesem Jahr müssen wir zusehen, dass wir die Mädchen heil die Treppen runter bekommen." Wegen der Baustelle an der Oper musste nämlich das Zelt verkleinert werden. Dafür wurde Backstage eine zweite Ebene eingezogen.

12:10 Unten in der Dressing-Area kreischt eine Säge. Andy Haller hat das fehlende Material für das Vorhanggestell besorgt, das muss jetzt zugeschnitten werden.

13:20 Die Musik wird voll aufgedreht. Ein Zeichen dafür, dass der Toningenieur, der die Lärmpegelmessung macht, da ist. Andreas Pellmeier, Projektleiter Beschallung, steht mit ihm unten im Zuschauerraum. Oben am Mischpult dreht sein Kollege die Höhen noch ein bisschen weiter auf. Man versteht nun sein eigenes Wort nicht mehr. Ingenieur Heiko Achelpöhler bewegt ein paar Regler auf seinem kleinen Messgerät. Alles in Ordnung. So laut darf es gerade noch sein.

14:05 Im Foyer ist es inzwischen fast so voll, wie vor einer Show. In jeder Ecke wird gehämmert, gesägt, geschnitten, diskutiert. Benjamin Kuchenbäcker ist im Auftrag eines Sponsors da und schaut, ob der Getränkestand auch so umgesetzt wird, wie er geplant war. Joyce, die als Hostess an den Abenden die Getränke an die Gäste verteilen wird, bekommt ihr überaus luftiges Outfit von Benjamin. Sieht schick aus.

14:33 An der Frankfurter Allee, lässt sich Christine Zeine noch schnell ein bisschen abpudern. In 20 Minuten steigt die Pressekonferenz für den Premium Young Designer Award, da muss auch die Pressesprecherin gut aussehen. Der Caterer richtet noch eben die Flaschen mit Designer-Mineralwasser richtig aus, dann kann es losgehen. Geehrt werden das Berliner Label Liebig im Bereich der Damenmode, die Italiener "Sleep is commercial" für ihre Männerkollektion und die australische Marke Maripossa für den Bereich Accessoires. Eine kurze Ansprache der Premium-Chefin Anita Tillmann, Hände schütteln, Blumen überreichen, Interviews führen, dazu ein Gläschen Rosé-Prosecco. Der Fotograf Boris Kralj bittet alle Designer und Models zum Gruppenbild. Dann kommt das Fingerfood.

16:10 Elle Persson von der Agentur IMG World, den Organisatoren der Fashion Week, sitzt hochkonzentriert vor ihrem Laptop im Mövenpick Hotel am Anhalter Bahnhof. Mehrere Flüge hatten heute Verspätung. Jetzt muss sie Casting- und Fitting-Termine für die Models, die noch in den Flugzeugen sitzen, umbuchen. Es ist nicht so einfach, den Überblick zu behalten bei so vielen Menschen. Auch wenn sie alle ganz schmal sind.

16:23 Cordelia, das russische Model, bekommt von Marie Paquette ein Kleid übergestreift. Dafür ist die Modedesignstudentin Marie extra aus Trier gekommen. Um zu sehen, wie das so abläuft hier. Der Job als Fitting-Assistant für die belgischen Designer von A.F. Vandevorst macht ihr Spaß. Cordelia tritt vor Filip Arickx und An Vandevorst. Sie wird taxiert. Nein, das Outfit passt nicht zu ihr. Sie soll ein anderes probieren.

16:50 Vor der Tür sitzen die Mädchen. Sie warten. Castings und Anziehproben werden sich heute bis in die Nacht hinein ziehen.

17:45 Für Cordelia wurde ein Outfit gefunden. Schnelle Änderungen sind dank Näherin Julia Kuchmetzki möglich. Ruhig und ganz unglamourös arbeitet sie am Rand des Anproberaums, neben sich ein Bügelbrett.

18:30 Das Haar/Makeup-Team ist für die ersten Proben da. Für Max Delorme, den Visagisten wird es einfach, er muss nur einen roten Strich auf die Rücken von einigen Mädchen malen. Genau entlang der Wirbelsäule ist die dekorative Linie gewünscht. Friseurin Madeleine Fehringer hat da mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Die Haare der Models sollen ihre Gesichter verdecken. Das Ganze muss leicht aussehen und gleichzeitig halten - und die Mädchen müssen sehen können, wohin sie gehen. Insgesamt eigentlich ein Widerspruch. Bis solch eine Frisur passt und allen gefällt, kann es jedenfalls noch lange dauern.

18:55 Im Zelt auf dem Bebelplatz wird jetzt der Catwalk ausgerollt. Die Beleuchter wollen mit ihren Proben und Einstellungen anfangen - und dafür muss der PVC liegen.

19:10 Andys Männer haben das Podest im Foyer fertig gezimmert und platziert. Jetzt rollt eine schmucke Limousine der Sponsorfirma ganz langsam hinauf. Jarrad Clark, Leiter der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin, inspiziert die Halle. Der Mann aus New York ist zufrieden. Alles läuft nach Plan. Das Chaos der Shows kann beginnen.