Berliner Perlen

Glänzende Ideen

Zuerst eine Einschränkung: Zum Topfschlagen beim Kindergeburtstag sollte man einen Emailletopf lieber nicht einsetzen. Die Gefahr besteht, dass ein Stück des Lacks abplatzt. Ansonsten aber, so versichert Stephan Antusch, seien Gegenstände aus Emaille unverwüstlich.

Um seine Worte zu unterstreichen, zeigt der Ladenbesitzer von Liv, einem Fachgeschäft für Haushaltswaren und Wohnaccessoires aus Emaille, gerne einige der antiken Objekte aus seinem Verkaufsraum. 80 Jahre alt sind einige Kannen und Töpfe, die in den Regalen stehen oder von der Decke baumeln. Eine rote Kaffeekanne weist tatsächlich ein tadelloses Außen- und Innenleben auf. Auch der Deckel ist in einem 1A-Zustand. Runterfallen könnte er ohnehin nicht, da ihn ein Scharnier am Henkel hält. Keine Frage, Dinge aus Emaille sind eine Anschaffung fürs Leben und darüber hinaus ungemein praktisch. Das wussten schon frühere Generationen.

Riesenteller mit Blumenmuster

Es überrascht ein wenig, dass hinter dem Verkaufstresen von Berlins einzigem Emaille-Fachgeschäft ein junger Mann steht. Vor vier Jahren eröffnete Stephan Antusch (30) mit seiner Schwägerin Britta in der Pappelallee den Emaille-Shop. Zuvor hatte er Einzelhandelskaufmann in einem Sportfachgeschäft in seinem Heimatort Stendal gelernt. Zuhause wurde gut und gerne gekocht, und zwar in bewährten, jahrzehntealten Emaille-Töpfen. "Als ich als junger Mann ausgezogen bin, habe ich den Fehler begangen, den viele machen: Ich habe mir Edelstahltöpfe und Teflonpfannen besorgt - und war schnell enttäuscht", sagt er. "Die Wärmeleitung ist bei Emaille viel besser als bei Edelstahl. Es schmeckt am Ende einfach besser, wenn man mit Emailletöpfen kocht."

Der Laden, in dem Stephan Antusch heute steht, ist hell, freundlich und wirkt trotz des leicht nostalgischen Flairs modern. Wenn draußen eine Straßenbahn vorbeikommt, scheppern die Milchkannen leise in den Regalen. Hingucker ist eine Art Riesenteller mit Blumenmuster und einem Durchmesser von gut 80 Zentimetern. "Diese Teller werden in China für den afrikanischen Markt hergestellt", erklärt Stephan Antusch. "Dort werden riesige Mengen für die großen Familien gekocht. Von solch einem Teller essen dann 15 oder 20 Menschen."

Derart ungezwungene Riesenspeisungen sind in Berlin eher unüblich, was die Liv-Kunden nicht weiter stört. Einige haben Beine unter die Riesenteller geschraubt und sie zu kleinen Tischen umfunktioniert. 40 Euro kosten die gigantischen Stücke. "Die Qualität der chinesischen Produkte kommt allerdings nicht an die der europäischen Hersteller heran", gibt der Ladenbesitzer zu.

Emaille wird weltweit geschätzt und eingesetzt. Die ältesten Emaillearbeiten entstanden ungefähr 1800 vor Christi. Seitdem veredelt und imprägniert die glänzende Oberschicht alltägliche Haushaltgegenstände. Zur Herstellung wird Quarzsand verarbeitet (siehe Grafik), als Flüssigkeit auf Stahl aufgetragen und bei Temperaturen über 550 Grad eingeschmolzen.

Die Idee, ein Fachgeschäft für Emaille-Artikel zu eröffnen, entstand spontan bei einem Essen im Freundeskreis. "Ich habe erzählt, dass es ziemlich schwer sei, schöne Emaille-Sachen zu finden. Plötzlich kam mir der Gedanke, dass es auch noch andere geben müsste, die das Material genauso mögen wie ich", erinnert sich Stephan Antusch.

Er behielt Recht. Die meisten seiner Kunden sind 20 bis 40 Jahre alt und kommen aus dem Kiez in Prenzlauer Berg. Sie kaufen Kinderbecherchen mit Tiermustern, Bräter, Milchkannen, Kerzenständer und Schüsseln oder lassen sich Türschilder anfertigen. Die Geschäfte liefen von Anfang an zufriedenstellend. Doch zu Beginn mussten die Ladenbesitzer noch viele Vorurteile ausräumen. Etwa, dass man in Emaille-Pfannen nicht angemessen braten kann. "Das stimmt nicht", sagt Antusch resolut. "Die Oberfläche einer Emaille-Pfannne wird heißer. Deshalb bilden sich mehr Röststoffe als bei einer Teflonoberfläche." Auch dem Einwand, dass sich neuartiges Material besser reinigen lässt, widerspricht er: "Man muss die Töpfe und Pfannen nur ein wenig mit warmem Wasser einweichen, dann lassen sie sich leicht saubermachen." Wichtig sei zudem, dass man keine Topfkratzer benutzt. Diese würden die so wunderbar glatte, porenfreie Oberfläche beschädigen.

Schmiede im Ybbstal

Die hochwertigsten Töpfe liefert die österreichische Firma Riess. Stephan Antuschs Favoriten schmieden im schönen Ybbstal bereits seit dem 16. Jahrhundert Töpfe und Pfannen. Ein echter Riess-Topf ist sozusagen der Rolls Royce unter den Emaille-Waren. Schwer und glatt fühlen sich die Bräter und Kasserollen an. "Beste Emaille-Qualität", sagt Stephan Antusch beeindruckt.

Und dennoch: So ebenmäßig wie eine glattpolierte Edelstahloberfläche sieht Emaille nie aus. Wenn man die Töpfe ins Licht hält, erkennt man die Rillen, die beim Glasieren entstehen. An den Rändern schimmert die dunkle erste Glasur durch. "Aber gerade das leicht Unperfekte macht für mich gerade den Reiz des Materials aus", sagt der Ladenbesitzer. "Man merkt, dass es ein traditionelles Produkt, dessen Herstellungsweise sich über Jahrhunderte hinweg kaum verändert hat."

Liv Pappelallee 82, Prenzlauer Berg, Tel. 346 273 05. Öffnungszeiten: Montag bis 11-20 Uhr, Sonnabend 12-18 Uhr, emaille-shop.de