Gourmetspitzen

Gemischte Gefühle im einstigen Straßenbahndepot

Das heutige Restaurant mit seinem technischen Umfeld im "Meilenwerk" ist zunächst eine Empfehlung für Oldtimer-Fans. Vom Fenster aus wecken ausgestellte Automobile die Sehnsucht nach klassischen Formen, Handwerker tüfteln in Spezialwerkstätten.

Die Küche des Parc Fermé wird von den zwei Köchen Dennis Ucak und Björn Swanson geprägt, die sich ihr Rüstzeug in zwei Berliner Top-Adressen geholt haben: bei Christian Lohse im Fischers Fritz und im Facil bei Michael Kempf.

Warum sollen ästhetisch wohlgestaltete Automobile und genussvolles Essen nicht zusammenpassen? Rechts und links der Autobahn gibt es zumeist langweilige Fettwürste mit scharfem Senf in trostlosem Ambiente, eine eher abschreckende Alltags-Kombination. Dass es auch ganz anders geht, dafür hält Berlin das Gegenbeispiel bereit. Vor der geschilderten Kulisse in den Backsteinhallen, einem ehemaligen Straßenbahndepot, bietet das Parc Fermé ordentliche Küche und beachtlichen Service - allerdings mit einer extrem bescheidenen Auswahl.

Ich habe stets gegen zu umfangreiche Speisekarten argumentiert, weil manches aufgeblasene Programm in der Küche einfach nicht zu bewältigen ist. Im Parc Fermé ist mir das Angebot allerdings erheblich zu klein, man muss schon sagen, zu dürftig. Bei unserem Besuch gab es nur ein Menü, das man auch in Einzelgerichten bestellen konnte, aber keine weitere Karte, lediglich noch eine vegetarische Speisefolge. Das war alles. Wir hatten das Glück, dass für einen alternativen Hauptgang zufällig ein Hirschrücken in der Küche verfügbar war. Auf unseren Einwand, dass Lamm nicht nach unserem Geschmack sei, offerierte der Koch ausnahmsweise das Wildgericht. Kurz und gut, der Hirschrücken war dann ganz vorzüglich. Die Garzeiten stimmten und die Aromen, von feiner Fruchtsäure begleitet, waren erstklassig. Das zeigt, wie gut die Köche am Herd sind und wie sorgfältig sie beim Einkauf agieren.

Insgesamt werden in dem Restaurant mit 26 Plätzen (enorm schwer, damit über die Runden zu kommen) nicht so viele Grand-Cuisine-Klassiker angerichtet wie in den erwähnten Sternetempeln. Man versucht, auch futuristische Elemente mit dem Herkömmlichen zu verbinden. Mandarinen-Gazpacho oder Rote Beete-Marshmallows sind derartige Ausflüge, die natürlich nicht bei allen Gästen ankommen. Gelungen fand ich dagegen Kreationen wie eine gut gewürzte Lasagne von Jacobsmuscheln oder die Gänseleber mit Feigenkompott. Das passt, weil das köstliche, fette Produkt geradezu nach Frucht schreit.

Immer mehr Genießer treffen vor dem Restaurant-Besuch eine Vorauswahl nach der im Internet veröffentlichten Speisekarte. Das wäre für mich und meine Begleitung beinahe ein Total-Flop geworden, denn in der Internet-Speisekarte des Restaurants gibt es wie bei einem nicht eingelösten Versprechen eine Auswahl an Vorspeisen und Hauptgerichten à la carte. Etwa lauwarmen Atlantikhummer, Brust und Keule von der Taube, gerösteten Steinbutt, Rinderfilet mit Parmesanrisotto oder Tranchen vom Kalbsfilet mit Trüffel. Zudem ein paar Desserts, Standards wie Tiramisu mit Pfirsich oder Beeren zur Crême brulée. Besser als nichts. Ich blicke nicht ganz durch, warum es dieses verheißungsvolle Internet-Angebot gibt. Eine Ungereimtheit, die man ändern sollte.

Ein weiterer Haken ist für das Restaurant die Lage, weit ab von den Genusszentren wie dem Gendarmenmarkt oder dem Savignyplatz. Wer das "Meilenwerk" im tiefsten Moabit gefunden hat, der hat damit wahrlich das Recht erworben, sich verwöhnen zu lassen.

Bei unserem Besuch waren - nicht überraschend - nur zwei weitere Tische besetzt. Und auch in den zu den schönsten Automobilmuseen zählenden Hallen verklingen die Schritte eines einsamen Gastes. Das Wagnis des erfolgreichen Gastronomen Aris Papageorgiou, der einst als Partner von Roland Mary im Borchardt begann, dann "Die Möwe" erstklassig führte, ausgerechnet hier einen Gourmettempel zu platzieren, wird zum echten Gastro-Abenteuer.

Doch der Mann ist so erfahren und dabei ein derart geschliffener Gastgeber, dass er die Kurve schon bekommen wird. Ich wünsche es ihm. Umsichtig dirigiert er den Service, ohne den Mitarbeitern direkt ins Handwerk zu pfuschen. Die Weinkarte ist recht kundenfreundlich kalkuliert und offeriert einige günstige Zweitweine großer Chateaus in Bordeaux. Für allein speisende Gäste sollten noch ein paar halbe Flaschen in das sonst umfassende, ordentliche Angebot aufgenommen werden.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost

Parc Fermé Wiebestraße 36-37, Moabit, Tel. 20 61 30 50, Di.-So. 18 bis 23 Uhr, Kreditkarte möglich