Zwölf Stunden

Mord ist ihr Geschäft

Die Schauspieler, Filmer und Techniker der ZDF-Krimi-Serie "Ein starkes Team" kämpfen einen Tag lang mit den widrigen Drehbedingungen einer futuristischen Arztpraxis am Kurfürstendamm

08:00 Eine Notiz am Klingelschild warnt die Patienten: Während der Behandlungszeit wird in der Praxis heute gedreht. Beim Zahnarzt ist man ja für jede Ablenkung dankbar. Aber die zwei Dutzend Filmschaffenden, deren Vorhut soeben für den letzten Drehtag des ZDF-Sonnabend-Prime-Time-Krimis "Ein starkes Team" anrückt, werden bis zum Abend selbst mehr Ablenkung ertragen müssen, als ihnen lieb ist.

09:00 Die Augenbrauen resigniert hoch gezogen starrt Fabian Völkel auf die Ecke Kurfürstendamm/Giesebrechtstraße. Seine dort per Verbotsschild seit 72 Stunden reservierten Parkplätze sind verstellt. Kein Fleck mehr frei für den roten Doppeldecker, der als mobiler Aufenthaltsraum des Teams dient. Der in HipHop-Marken gehüllte Völkel, als Setaufnahmeleiter "eine Art Kindergärtner", wie er sagt, ruft Polizei und Abschleppwagen. Gnadenlos.

09:30 Hinter ihm scheppert es metallisch. Caterer Dirk Ostendorf stemmt den Verschlag seines Speisewagens auf. Ein Stromaggregat von der Größe eines koreanischen Kleinlasters brummelt bereits wohlig im Parkhafen - ein Glück: Strom. "Das Wichtigste ist am Morgen, dass der Kaffee läuft", sagt Ostendorf, ehemaliger Wirt der Britzer Mühle, und kippt Öl in die zerbeulte Pfanne seiner rollenden Küche. Bratkartoffeln und Ei - "ordentlich Kalorien" - für die zupackenden Handwerker am Set. Fruchtsalat für die Damen vom Make Up. Das Frühstücksbuffet ist auf dem Tresen ausgebreitet. "Bei manchen Drehs kommen auch schon mal Passanten vorbei und bedienen sich", grinst der graubärtige Koch. "Wenn ich sie dann anspreche, sagen die dreist, sie seien Komparsen."

10:30 Darstellerin Anja Boche, die dem Krimi-Kommissar gleich in 120 Proben, Testaufnahmen und tatsächlichen Drehs als fesche Arzthelferin den Kopf verdrehen soll, fährt vor und verschwindet im langen Wohnwagen der Maskenbildner. Nichts fehlt darin: Trockner, Waschmaschine, Bügelbretter, eines sogar eigens für Ärmel. An Garderobenstangen hängt eine Reihe identischer Arztkittel. Falls etwa Kaffee über das Dress kippt muss Ersatz vor Ort sein. "Ich soll heute sexy aussehen", sagt Boche mit geschlossenen Augen, während die strenge Kosmetikerin Johanna ihr die Wimpern tuscht und jetzt bitte mal Ruhe braucht.

12:00 Am Ordnungsamt vorbei, das samt Polizei den sachgerechten Abtransport eines störenden VW aus dem Film-Parkverbot observiert, schleppen kräftige Burschen mit schwarzen Jeans, T-Shirts, asiatischen Tattoos, Taschenmessern, Sprechfunkgeräten und Lederhandschuhen, einen gerade von oben angeforderten, sperrigen Scheinwerfer ins Haus am Kudamm. Die Arztpraxis "KU 64" im Penthouse ist halb Lounge, halb UFO. Die Concorde unter Berlins Zahnzentren. In die Deckenwände der Behandlungszimmer sind Bildschirme eingelassen, auf denen Patienten "Das Dschungelbuch", Foo-Fighters-Videos oder Naturdokus gucken können, während ihr Mund aufgeräumt wird. Für die Kinder gibt es im Wartezimmer zwei Playstation-Cockpits. Die Bobbycars für ganz Kleine sind schwarz und von BMW.

13:00 Krimi-Kommissar Florian Martens nimmt Platz im Zahnarztstuhl. Gleich wird er den mordverdächtigen Herrn Doktor vernehmen. Um ihn stehen Kameramann, Beleuchter, Regieassistentin Lilly Hagemann und Make-Up-Frau Birgit. Zwei Stunden wird das Team für die eine Minute lange Szene brauchen. Aber der Sauerstoff im Raum scheint schon jetzt verbraucht. Regisseur Walter Weber lässt die Schauspieler ihre Szene vorführen. "Ich bekomme von der Arzthilfe das Lätzchen umgebunden?", fragt ihn Martens in Ostberliner Tonfall, "...und flirtest dabei mit ihr", vervollständigt Weber in dezentem, schweizer Dialekt. "Alle 'raus!" ruft dann die Regieassistentin. Der Kameramann berechnet, welche Schwenks und Fahrtwege möglich sind. "Und... bitte!" heißt es dann. Die Szene wird im Stück gespielt, anschließend geht es mit unterschiedlichen Objektiven näher heran an die Gesichter der Akteure. Wenn das letzte Wort der Szene gesagt ist, verharren die Schauspieler für weitere zwei, drei Sekunden starr und stumm, damit später der Übergang zur nächsten Szene passt.

15:30 Vor dem Catering-Wagen eilt der 1. Aufnahmeleiter Ilja Leptihn durch die Reihen der essenden Handwerker, in der Hand Gehaltszetteln und Lohnsteuerkarten, die jetzt verteilt werden müssen. Es ist der letzte Drehtag dieser 47. Folge der Krimi-Reihe aus dem Hause UFA Fernsehproduktion. So wie heute kommt das aus freien Mitarbeitern bestehende Team nicht mehr zusammen.

16:15 Producerin Michaela Nix sitzt im Doppeldeckerbus, tippt den Löffel in eine winzige Portion Pudding, erzählt von ihrem Faible für das Kino Pedro Almodovars, Jim Jarmuschs und skandinavischer Regisseure. Verträgt sich das mit der soliden TV-Kost, die sie ins Fernsehen bringt? "Ich kann eigene Vorlieben und unsere Fernsehproduktionen, in die ich mein ganzes Herzblut stecke, gut voneinander trennen", sagt die Filmfrau geradeheraus. "Ich mache das Programm für die Zuschauer - nicht nur für mich."

18:00 In der aktuellen, der letzten Szene dieses Drehs, nippen Kommissar und Arzthelferin beschwipst am Sekt. Requisiteurin Irene füllt so viel Perlwein nach, wie auf dem Foto zu sehen ist, das sie am Beginn der Szene gemacht hat - die Anschlüsse müssen ja stimmen. Als Florian Martens davon kostet entfährt ihm ein erschrockenes "Igitt". Der Sekt ist offenbar alkoholfrei.

18:30 Heiße Scheinwerfer, die Luft ist schlecht, aber die Fenster zum dröhnenden Kudamm müssen geschlossen bleiben, es lärmt Ton-Chef Karl Laabs eh' schon zuviel. "Ruhe, wir drehen", schmettert der reife Gentleman mit Paisley-Schal und unbestechlichem Gehör den Patienten und Ärzten durch den Flur entgegen. "Hier ist es laut wie auf dem Alexanderplatz", ruft er. Take 25 und die Nerven liegen blank. "Noch einmal", sagt Regisseur Weber höflich. "Jetzt sag' nich, det die Sektpulle wieder im Bild war", giftet Florian Martens. Die nächste Aufnahme dann ist perfekt.

19:50 Die 116 Filmrollen dieses Fernsehkrimis sind gefüllt, alles ist im Kasten. Erlöst sagt Regisseur Weber: "Danke", in die Runde, sagt: "Bravo, bravo". Applaus, Umarmungen, Verabredungen für den nächsten Tag, wenn in Kreuzberg das Abschlussfest gefeiert wird. Einzig die Handwerker in schwarz haben nur kurz mitgeklatscht. Schon zücken sie Schraubenzieher und Lederhandschuhe, um Kamera, Scheinwerfer und Stative zu demontieren.

21:00 Die Laderampen von drei Lastern, unten in der Parkspur des Kudamms, schließen sich. Bald rollen die Wagen gen Feierabend.

"Ein starkes Team - Blutsschwestern" Sonnabend 15. Januar, 20.15 Uhr, ZDF