Berliner Perlen

Schmucke Kleinigkeiten

Früher sind Perlen eine ernste Angelegenheit gewesen. Die Griechen und Römer glaubten angesichts ihrer Kostbarkeit an ein Geschenk des Himmels. In Lessings "Emilia Galotti" heißt es unheilschwanger: "Perlen bedeuten Tränen". Das ist heute anders.

Perlen sind erschwinglich und entstehen nicht mehr nur in Muscheln. Es gibt sie in allen Farben und Formen: klein, rosig, riesig, rund, eckig oder stachelig, aus Glas, Wachs, Plastik, Kristall oder Metall. Vor allem machen Perlen Spaß und sorgen für "Ahs und Ohs" und kleine, spitze Schreie der Begeisterung - das merkt man spätestens wenn man einen der beiden Tukadu-Läden in Mitte und Prenzlauer Berg betritt.

Beim Anblick von Hunderten von Perlensorten und knallbuntem Geschmeide geraten Mädchen jeden Alters in Verzückung. "Die jüngsten Kundinnen sind etwa sechs Jahre alt, die ältesten vielleicht 90", schätzt Roberta Oehmigen, die zu Beginn der 90er-Jahre ihr erstes, inzwischen geschlossenes Perlengeschäft an der Raumerstraße in Prenzlauer Berg eröffnete.

Die Kundinnen hält es meist lange in den Läden. Nachdem sie sich für eine Handvoll Perlen sowie für einige Drähte und Verschlüsse entschieden haben, nehmen sie auf einem der Barhocker Platz. Dort stehen ihnen Schmuckzangen und Bastelanleitungen zur Verfügung, mit deren Hilfe sie ihre eigenen Schmuckkreationen umsetzen können.

Das Besondere am Angebot von Tukadu ist die Verwendung ungewöhnlicher Materialien wie Pelz, Federn und Stoff. An den Ketten, die Roberta Oehmigen entwirft, baumeln nicht nur Perlen, sondern auch Styropor-Gemüse, kleine Püppchen und Tiere. "Die Tierchen sind der absolute Renner. Dabei dachten wir, dass das Interesse irgendwann nachlassen werde", sagt Roberta Oehmigen. Der letzte Schrei seien momentan die authentisch aussehenden Möpse der Firma Schleich, die zum Aufädeln von den Mitarbeitern durchbohrt werden müssen.

Fliegenpilze und winzige BHs

An Roberta Oehmigens Ohren schaukeln bunte Gehänge aus kleinen Fliegenpilzen und bunten Bordüren, die an jedem anderen Ort auffallen würde, sich in den Laden aber harmonisch einfügen. Das Interieur ist in warmen Rot- und Goldtönen gehalten. Da gibt es Ohrringe, an deren Enden winzige BHs und Slips aus echter Spitze montiert wurden. Oder eine Kette aus großen Wachsperlen, zwischen denen eine kleine Babypuppe zu schweben scheint.

Man merkt dem Laden durchaus an, dass Roberta Oehmigen jahrelang am Theater gearbeitet hat. Die gelernte Grafikerin war Bühnengestalterin und arbeitete bei der Herstellung von Tierfiguren und Handpuppen gern mit Federn, Glassteinen und Perlen. "In dieser Zeit ist meine Liebe zu den kleinen Zubehörteilen gewachsen", sagt die 50-Jährige. Da sie sich immer schon selbstständig machen wollte, entstand irgendwann die Idee, einen Perlenladen zu eröffnen. "Am Anfang hatte ich nicht viel. Da gab es außer den Perlen nur wenige Verschlussarten und drei Sorten Bastelzangen."

1993 eröffnete sie ihren Laden an der Raumerstraße, drei Jahre später kam ein weiteres Geschäft an der Rosenthaler Straße dazu. "In Prenzlauer Berg haben wir Bastler-Publikum. In Mitte kommen viele Touristen", sagt Roberta Oehmigen. Die Stücke werden im Laden während des Geschäftsbetriebs gefertigt - von der Chefin, ihrem 27-jährigem Sohn, einem Schmuckdesigner, und von einer langjährigen Mitarbeiterin. "Das Tolle ist, dass wir in Mitte sehen, was im Moment gefragt ist. Darauf können wir schnell reagieren", sagt Roberta Oehmigen.

Männer fanden lange keinen Zugang zur wunderbaren Chichi-Welt aus Schleifen, Strass und Seidenblumen. Das ist anders seit Roberta Oehmigens Mann Lutz, Elektroinstallateur und Kameramann, vor einigen Jahren in das Geschäft einstieg und im Tukadu-Laden am Kollwitzplatz Spielzeug-Miniaturen und Puppenhäuser nebst Interieur verkauft. In den überbordenden Regalen sieht man Dampfmaschinen, handgeschnitzte Marionetten, Blechroboter. "Schon als Studenten haben wir viel gebastelt und entworfen. Unser Traum war es, unsere Kreativität auszuleben und davon leben zu können", sagt Lutz Oehmigen. "Außerdem gefällt es uns, den Blick wieder auf Dinge zu lenken, von denen bereits unsere Eltern und Großeltern fasziniert waren, etwa auf Objekte, die mit Jahrmarkt und Karneval zu tun haben."

Gebohrt und geklebt

Sämtliche Dekorationen in den beiden Geschäften werden von dem Ehepaar gemeinsam entworfen. Die meisten Ideen stammen von ihr, während er sich um die technische Umsetzung kümmert. In einer Ecke des verwinkelten Ladens in Prenzlauer Berg sind Kästen mit Miniaturen untergebracht, die in den Puppenhäusern Verwendung finden können. Winzige Stühle, Schuhe, Teller, Tassen, Kochtöpfe, und auch einen Kaugummi-Automaten im Stil der 50er-Jahre findet man dort. Viele der Objekte sind gerade mal so groß wie ein Fingernagel. "Das ist der Bereich, in dem sich unsere Interessen treffen", sagt Roberta Oehmigen. Die Miniaturen baut sie häufig in ihre Designs ein. Dann wird gebohrt oder geklebt, bis sich die winzigen Gegenstände in die Schmuckstücke einfügen. Ein Kaugummi-Automat als Ohrring oder als Kettenanhänger - warum nicht?

Tukadu Rosenthaler Str. 46, Mitte, Tel. 28 36 770, Mo.-Sbd. 11-20, Kollwitzstrasse 72, Prenzlauer Berg, Tel. 44 55 196, Di.-Fr. 13-19 Uhr, Sbd. 11-18 Uhr