Kleine Entdeckungen

Fischreiterin mit Pariser Freizügigkeit

Die Fischreiterin ist schlank, samt Sockel zwei Meter hoch und 81 Jahre alt. Aber ob die vielen Autofahrer, die tagtäglich die Kreuzung Uhlandstraße/Pariser Straße passieren, das unablässig Wasser speiende, glupschäugige Schuppentier und die Reiterin wahrnehmen?

Die grazile Skulptur übt sich, abgesehen davon, dass die Reiterin sich im gutbürgerlichen Wilmersdorf nackig präsentiert, in Zurückhaltung. Man registriert sie erst auf den zweiten Blick, die betagte Dame. Der Berliner Bildhauer Georges Morin (1874-1950) hat sie 1929 erschaffen. Für ihr Alter hat sie sich erstaunlich gut gehalten, wenn sie auch etwas grünlich angelaufen ist. Dass sie sich freizügig gibt, mag daran liegen, dass Morin nach seinem Abschluss an der Berliner Akademie der Künste zu Studienzwecken nach Paris reiste und dort seine Faszination für die orientalischen Tänzerinnen der Commedia dell'arte entdeckte, sie malte und modellierte. Ihre eigene kleine Bühne hat die Fischreiterin jedenfalls. Ins Pflaster vor dem Bronzebrunnen ist ein Lichtspot eingelassen, der sie auch bei Dunkelheit in Szene setzt. So können zumindest die Passanten sowohl bei Tag als auch bei Nacht sehen, wie tapfer sich die Reiterin an der Flosse des Fisches festhält - und sie lächelt sogar dabei.