Berliner Perlen

Berlins himmlische Saiten

Hochkonzentriert sitzt Jasper auf einem kurzbeinigen Hocker. Mit energischem Blick zupft der Achtjährige an der Unterrichtsharfe von 80 Zentimetern, die zwischen seinen Knien lehnt. Seine blonden Locken wippen im Takt des Liedes, dass er intoniert.

"Summ, summ, summ, Bienchen summ herum". Lehrer David Rescher achtet genau auf die ersten Harfengriffe seines jüngsten Schülers - hier, in der "Harfengalerie Camac Berlin".

Gemeinsam mit seinem Freund Mike Dobek, Harfentechniker, eröffnete Rescher im September 2009 den ersten Harfenladen der Hauptstadt. In der Gardes-du-Corps-Straße, drei Minuten vom Schloss Charlottenburg entfernt. Dort, wo noch die Diensthäuser der ehemaligen königlichen Leibgarde stehen. Fassadenverzierte Altbauten, die Bewohner und Gäste mit dort angebrachten Versen wie "Gott beschütze dieses Haus und die Leute, die gehen ein und aus" begrüßen.

Nähe zum Schloss

"Die Nähe zum Schloss war perfekt", sagt Rescher. Er und sein Lebensgefährte Dobek wohnen in Dallgow-Döberitz, 30 Minuten von ihrem Geschäft entfernt. Schon während seines Harfenstudiums, das er an der Musikhochschule Hannover begann und bei Maria Graf in Berlin 2001 mit dem Diplom beendete, hatte es Rescher stets verwundert, dass es für die sieben Profiorchester, zwei Musikhochschulen und geschätzten 350 Konzertharfenisten der Hauptstadt kein einziges Fachgeschäft gab. Und obwohl er neben seinen Lehrstunden bei der Lufthansa als Flugbegleiter arbeitete, hielt der 38-jährige Verkaufsleiter stets an seiner Idee von einem Podium für Harfenisten, einer Anlaufstelle mit Instrumenten, Ersatzteilen, Noten und Service, fest.

Partner Dobek, der gelernte Gas-Wasser-Installateur, fand schnell Gefallen an der Feinmechanik der Harfen. Gleich nachdem der 34-Jährige mit Rescher zusammengezogen war, untersuchte er die Technik des historischen Zupfinstruments. Im Gegensatz zu einer Therme, erklärt er heiter, seien "neu gestimmte Instrumente wahre Kunststücke". Von 2000 bis 2008 arbeitete Dobek arbeitete bei der Security auf dem Flughafen Tegel. Zunehmend aber fühlten sich Rescher und er in ihren Jobs als Flugbegleiter, Harfenlehrer oder Wachmann unterfordert. So fassten sie den Entschluss, sich selbstständig zu machen.

Heute, zwei Jahre später, geben ihre Schaufenster den Blick frei auf 80 Harfen aus kanadischem Ahorn, Sipoh-Mahagoni und Palisander-Rosenholz. In warmes Licht eines Lüsters getaucht, steht ein besonders auffälliges Modell auf einem Parkettpodest zwischen Stühlen von Philippe Starck. Die handgeschnitzte Säule ist von Blattgold eingefasst, die Krone besteht aus vergoldetem Messing. Auf der Resonanzdecke verzieren hauchdünne Intarsien das Instrument. Die Saiten funkeln. Das Modell trägt den Namen "Oriane 47", ist anderthalb Meter groß, mit 47 Saiten ausgestattet und kostet 38 800 Euro. Es ist in diesen Tagen das teuerste Stück im Geschäft. Die kleineren Modelle, jene als Hakenharfen bekannten, keltischen Harfen, kosten dagegen ab 980 Euro. Auf ihnen lernt auch der kleine Jasper. Diese Modelle sind auszuleihen. Bei 25 Euro im Monat beginnen die Preise. Ob Bardic, Hermine, Athena, Mélusine oder Mademoiselle - alle Modelle der Galerie mit ihren wohllautenden Namen stammen von der Firma Camac aus Frankreich.

Die Harfenbau-Firma wurde 1972 in Mouzeil, Bretagne, gegründet und führt mittlerweile eine große Dependance in Paris. Berlin als deutsche Generalvertretung favorisierten die Franzosen schon vor Rescher und Dobek. Als deren Anfrage im Herbst 2008 kam, ging alles ganz schnell. Firmeninhaber Jakez Francois reiste an, vereinbarte eine Zusammenarbeit auf Kommission und holte sich Dobek zur Ausbildung als Harfentechniker. Im April 2009 unterschrieben Rescher und Dobek den Mietvertrag für die Gardes-du-Corps-Straße und verwandelten die ehemalige, von äußerst wilden Kindern zeugende Kita nach erheblicher Renovierung in eine stilvolle Harfengalerie.

Schwere Anfangszeit

Am Eröffnungstag vor einem Jahr kamen rund 250 Schaulustige. Das machte Hoffnung auf gute Geschäfte. Aber eine schwere Anfangszeit folgte, die nun jedoch bewältigt scheint. "Kunden kommen von immer weiter her", sagt David Rescher stolz. "Aus ganz Deutschland, aus Schweden und Polen." Über 2000 Notentitel, Zubehör, Modelle von Haken-, über Pedal- und Elektroharfen bieten die Inhaber an.

"Oriane", die auffällig im Raum steht, ist ein Auftrag der Deutschen Oper. Trotzdem: "Im Moment bleibt uns selbst wenig Verdienst - wegen der Auslagen", klagt David Rescher. Unerschütterlich aber hoffen er und Mike Dobek auf den großen Aufschwung im kommenden Jahr.

In ihrem Kiez indes scheint die Harfengalerie angekommen zu sein. 50 Mietinstrumente sind derzeit ausgeliehen. Und Reschers Angebot, neben seinen Lehrstunden an der Hanns-Eisler-Hochschule auch Unterricht in der Galerie zu geben, nehmen Eltern, wie die von Jasper gern an. Der Kleine wohnt gleich um die Ecke. Jüngst hat er seinen Freunden gezeigt, wie gut er spielen kann. Nach dem Kindergeburtstag kam er vorbei, um wieder mit zusammengezogenen Augenbrauen und ernstem Gesicht "Summ, summ, summ" anzustimmen. Anschließend hat er sich verbeugt vor seinem kleinen Publikum.