Interview

Regisseurin Claire Denis über ihren Film

| Lesedauer: 3 Minuten

Claire Denis wurde 1948 in Paris geboren. Ihre Filme kreisen oft um Identität, Entfremdung und Migration. Obwohl Werke wie "Nenetti und Boni", "Trouble Every Day" und "Beau Travail" weltweit auf Festivals gezeigt und ausgezeichnet wurden, schaffen sie es selten in deutsche Kinos. Thomas Abeltshauser hat mit der Filmemacherin gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Frau Denis, Ihre Geschichte ist, was nicht auf den ersten Blick deutlich wird, offenbar stark autobiografisch.

Claire Denis:

Richtig, es ist die Geschichte meiner Großeltern. Mein Großvater kam aus Brasilien. Er verlor seine Frau, als meine Mutter noch ein Baby war. Ich stellte ihn mir immer vor, wie er sich ganz allein um sein kleines Kind kümmerte und es mit der Flasche fütterte. Wenn unsere Mutter von ihrer Kindheit mit ihrem Vater erzählte, klang das für meine Geschwister und mich wie ein Märchen, er war ein magischer Mann. Mit 25 fand ich dann eine Schachtel mit Briefen, die mein Großvater unserer Mutter schrieb, als wir in Kamerun lebten. Jeden Tag bekam meine Mutter einen Brief auf diesem dünnen, hellblauen Luftpostpapier.

Was stand in diesen Briefen?

Besorgte Ratschläge, was sie uns Kindern geben soll, damit wir nicht krank werden.

Wann kam Ihr Großvater nach Frankreich?

Das ist eine schreckliche Geschichte. Er war eines von neun Kindern und seine Eltern schickten ihn nach Paris, um dort Kunst zu studieren. Einen Monat nach seiner Ankunft brach der Erste Weltkrieg aus. Er wurde eingezogen und kam nach einem Giftgasangriff in ein Hospital, wo er sich in eine der Krankenschwestern verliebte. Voilà!

Ihr Film handelt vom Abschiednehmen. Bezieht sich das auf persönliche Erlebnisse?

Das hat eher mit den Filmen des japanischen Regisseurs Ozu zu tun, in denen mich die Familienväter oft an meinen Großvater erinnerten. Diese ruhigen Männer, die sich nie anmerken lassen, wenn sie Schmerzen haben oder leiden.

War der Reiskocher, den der Vater mitbringt, eine Hommage an Ozu?

Klar! Davon abgesehen, habe ich auch einen zuhause. Ich bin süchtig nach Reis! Zuerst dachte ich an Tee als Anspielung, aber das war mir zu schwach.

Es ist ja nicht von Anfang an klar, dass die beiden, die da zusammenleben, Vater und Tochter sind. Warum ließen Sie das so lange offen?

Ich wollte sie zuerst getrennt voneinander zeigen - der Mann, wie er als Zugfahrer arbeitet, die junge Frau, die zuhause Essen zubereitet. Sie haben ihre Rituale und sie sind in vielem wie ein eingespieltes Paar.

Gegen Ende fahren Vater und Tochter nach Lübeck und besuchen die Schwester seiner verstorbenen Frau. Basiert das auch auf einer persönlichen Geschichte oder war es schlicht den deutschen Fördergeldern geschuldet, die ausgegeben werden mussten?

Die Idee war schon früher da. Es ging darum, dass die Tochter eine Mutter mit ganz anderer Herkunft und Geschichte hat. Ich wollte aber nicht, dass es nur um unterschiedliche Hautfarben geht, sondern um eine andere Kultur. So wie mein Großvater aus Brasilien kam, wollte ich die Filmmutter aus dem Norden haben. Ich wollte nicht einfach nur ein Bild an der Wand zeigen, dass diese Hintergrundgeschichte darstellt.