Im Winter ein Jahr

Der Fluch des Oscars

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Zander

Das Schlimmste für einen Filmregisseur, so lautet eine alte Branchenweisheit, ist nicht das Debüt, sondern der zweite Film. Weil dieser die Erwartungen des ersten zumindest erfüllen, wenn nicht übertreffen muss. Für einige wenige Auserwählte wiederholt sich dieser Punkt in der Karriere noch einmal: wenn sie nämlich einen Oscar gewinnen. Dann muss erneut der Film "danach" zeigen, ob der Preis verdient war.

Volker Schlöndorff ist einst mit "Die Fälschung" daran gescheitert, eine zweite "Blechtrommel" zu stemmen. Florian Henckel von Donnersmarck hat noch immer schwer an seinem "Leben der anderen" zu tragen; nicht wenige wünschen dem allzu abgehobenen Regisseur, er möge wieder von der Schwerkraft eingeholt werden. Und auch bei Caroline Link wartete man voller Spannung, was sie aus ihren Oscar-Meriten machen würde. Und man wartete lange.

Ein Jahr Auszeit wollte sie sich danach nehmen; fünf sind es geworden. Und einen amerikanischen Film wollte sie drehen. Am Ende verfilmte sie "Aftermath", einen Roman des US-Schriftstellers Scott Campbell, dann aber doch im heimischen München - weil die Finanzierung in den USA (wie schon zwei frühere Projekte) daran scheiterte, dass keine Stars der A-Liga verbindlich zusagten.

Man könnte sich nun ausmalen, wie "Aftermath" wohl ausgesehen hätte, wenn ein Sean Penn, Links Wunschkandidat, mitgespielt hätte. Man könnte sich auch in Gedankenspiele verlieren, wer wohl dort das junge Mädchen verkörpert hätte. Man kann das alles aber auch getrost vergessen. In Deutschland hatte Caroline Link mehr Mitspracherecht; hier bekam sie die Schauspieler, die sie auch gewollt hat. Und eine bessere Konstellation kann man sich im Nachhinein kaum vorstellen.

"Im Winter ein Jahr" handelt von dem makabren Wunsch einer Mutter (Corinna Harfouch), die über den Selbstmord ihres Sohnes nicht hinwegkommt und sich ein Gemälde ihrer beiden Kinder wünscht. Für den Toten müssen Fotos reichen, Lilli (Karoline Herfurth) aber, die Schwester, soll dem Maler Max (Josef Bierbichler) Modell stehen. Die findet das Ansinnen gruselig. Und verweigert sich dem Maler erst mal. Spielt und flirtet gar mit ihm - auch um herauszubekommen, ob er nicht homosexuell ist. Der Maler verzweifelt ob dieses Modells, weil an seinem Bild irgendwas noch nicht ganz stimmt. Aber er gewinnt Lilli lieb, wird sowas wie ein Ersatzvater, der allmählich hinter die zerrütteten Familienverhältnisse kommt und sie endlich zu sich selbst (und sein Werk zur Authentizität) finden lässt. Lilli ist nämlich gar nicht die starke Frau, die sie zu sein vorgibt, sondern noch immer ein verletztes Mädchen. Aber auch für den zurückgezogen lebenden Maler werden die Malstunden zu einer Therapie zurück ins Leben.

Ein starkes, spannungsgeladenes Schauspielerduell, in dem allenfalls das Bild des Malers Florian Süssmayr eine dritte Hauptrolle spielt. Wann immer die Kamera zwischen diesen Figuren kreist, ist der Film ganz bei sich. Und der jungen Karoline Herfurth gelingt nicht nur der Parforceritt, Schutzpanzer und Verletzungen zugleich zu spielen und in einem "Tanzausbruch" auch noch physisch auszudrücken: Sie vermag auch, woran schon ganz andere gescheitert sind, gegen Sepp Bierbichler anzuspielen, der, weniger grantelt und poltert als gewohnt, aber doch wie üblich wie ein Fels die Szenerie beherrscht.

Auch in den Szenen von Lillis bröckelnder Familie beweist Caroline Link, das Familiendramen von ihrem Oscar-nominierten "Jenseits der Stille" bis zu ihrem Oscar-Triumph "Nirgendwo in Afrika" von jeher ihre große Stärke sind. Doch schon der Strang um den schwulen Maler scheint wenig glaubwürdig, gänzlich überspannt ist die verkorkste Geschichte zwischen Lilli und einem anderen Künstler. Und so recht findet der Film keine Lösung, wie er aus all den Problemen herausfindet. Am Ende bleibt das Bild von Karoline Herfurth als eines neuen Shooting Stars. Und es bleibt eine große Metapher über das Bilder-Machen an sich, die freilich am selben Problem leidet wie das Gemälde im Film: Irgendwas stimmt noch nicht ganz.

Im Winter ein Jahr

Deutschland 2008

128 min., ab 12 Jahren

Regie: Caroline Link

Darsteller: Karoline Herfurth, Josef Bierbichler, Corinna Harfouch, Hanns Zischler

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