Willkommen bei den Sch'tis

Nord ist Mord

Ganz hat es am Ende doch nicht gereicht, um "Titanic" als erfolgreichsten Film aller Zeiten in Frankreich abzulösen. Denn in dieser Woche ist "Willkommen bei den Sch'tis" im Nachbarland als DVD herausgekommen und damit schwindet die Hoffnung, noch die letzten paar Hunderttausend Kinobesucher zu locken, die der Film brauchte, um den amerikanischen Rekordhalter zu überholen.

Aber immerhin hat Dany Boons Komödie mittlerweile längst die Louis-de-Funès-Klamotte "Die große Sause" als erfolgreichsten französischen Film aller Zeiten an den heimischen Kinokassen abgelöst.

Das Phänomen ist nur so zu erklären, dass "Willkommen bei den Sch'tis" bei den Franzosen irgendeine verborgene Herzensader berührt hat. Es geht darin um einen gehobenen Postbeamten, Philippe (Kad Merad), der eigentlich an die Cote d'Azur möchte, damit sich die Stimmung seiner depressiven Frau im Licht des Südens etwas aufhellt. Stattdessen wird er in den äußersten Norden Frankreichs strafversetzt. Für einen Mann aus dem "Midi" ist das wie eine Verbannung nach Sibirien.

Die Klischees, die im Süden über die Region "Nord-Pas-de-Calais" (übrigens auch die Heimat von Charles de Gaulle und Franck Ribery) im Umlauf sind, sind eine Mischung aus Klimakatastrophenmeldungen und aus Romanen von Emile Zola. Der hatte ja in "Germinal" das Leben der Bergarbeiter Ende des 19. Jahrhunderts in den nordfranzösischen Kohlegruben als immerwährenden Albtraum aus Hunger, Dunkelheit, Schmutz, Suff und Armut geschildert. Südfranzosen glauben offenbar, dass es dort oben immer noch so zugeht - mit dem bitteren Unterschied, dass jetzt auch noch die Kohlegruben pleite sind und alle sogar diese Arbeit verloren haben.

Als Philippe und seine Frau vor der Abreise in das nordfranzösische Städtchen Bergues im Internet die Temperatur dort feststellen wollen, sind sie zunächst überrascht: 14 Grad klingt gar nicht so kalt. Das kann sich Philippes Frau Julie nur so erklären, dass die "Sch'tis" den Wetterleuten Geld dafür zahlen, die Daten zu fälschen. Ganz wunderbar ist auch eine Szene, in der Philippe Julies Großonkel trifft, der vor dem Krieg bei den Sch'tis gelebt hat. Im Stile eines richtigen mediterranen Mafia-Paten sitzt der Alte im abgedunkelten Zimmer, doch er kommt fast ins Heulen, als er sich erinnert, wie schrecklich es im Norden war und was für eine seltsame unverständliche Sprache sie dort sprechen.

Diesen Dialekt ins Deutsche zu übertragen gehört zu den großen Herausforderungen der deutschen Fassung. Jeder, der von den fabulösen Erfolgen von "Bienvenue chez les Ch'tis" in Frankreich las oder hörte (20 Millionen Zuschauer seit dem Filmstart im Februar), dachte sofort: "Das kann als deutsche Synchronfassung niemals funktionieren!" Tut es aber doch. Die Synchronregisseurin Beate Klöckner hat einen deutschen Kunstdialekt erfunden, der vor allem von Christoph Maria Herbst wunderbar natürlich interpretiert wird. Herbst ist der Synchronsprecher des in Frankreich ziemlich bekannten Komikers Dany Boon, der bei den "Sch'tis" nicht nur Regie führte, sondern auch den Briefträger Antoine spielt. Dieser Untergebene lehrt den Post-Bonzen Philippe, den Norden zu lieben. Es ist das klassische Komödienklischee der Gegensätze, die sich anziehen. Nach kurzer Zeit mag Philippe auch ganz gerne Fritten aus der Hand essen und ins Fußballstadion gehen (denn hier im von England beeinflussten Norden ist jener Sport weitaus populärer als im Süden, wo man immer noch Rugby bevorzugt). So weit so schlicht. Deswegen werden sich ganz bestimmt keine 20 Millionen Deutschen den Film anschauen.

Ein paar mehr als die üblichen paar Tausend, die französische Komödien hierzulande allerhöchstens locken, wären ihm trotzdem zu wünschen. Schon wegen Szenen wie jener, in der die netten Sch'tis Philippes Frau ihre eigenen Klischees vorspielen: Die Besucherin aus dem Süden wird durch eine längst verlassene Bergarbeitersiedlung geführt, wo alle Geschäfte nur Kohle und Alkohol verkaufen und die Männer immer noch in die stillgelegten Minen einfahren, "denn sie haben ja sonst nichts".

Eigentlich müsste man ein deutsches Remake drehen, das die Missverständnisse auf die Schippe nimmt, die hierzulande zwischen Ost und West statt Nord und Süd herrschen. Andere Nationen waren schneller. Eine italienische Sch'ti-Kopie will einen Norditaliener in den Süden schicken. Und Will Smith wird angeblich eine amerikanische Version produzieren.

Willkommen bei den Sch'tis

Frankreich 2008

106 min., ohne Altersbeschränkung

Regie: Dany Boon

Regie: Kad Merad, Dany Boon,Zoé Félix

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