Mein Freund aus Faro

Mit Männern nichts am Hut

Mel kann und will auch gar nicht aus ihrer Haut. Tagsüber geht sie der Arbeit als Packerin in einem Catering-Unternehmen für Fluglinien irgendwo bei Münster nach, nur in ihrem roten Auto fühlt sie sich frei. Mel, eigentlich Melanie, ist Anfang 20, und es wird allmählich Zeit für ihren ersten Freund.

Das meinen nicht nur ihr Bruder und ihr Vater, mit denen sie zusammenlebt. Irgendwann, als die Fragen immer drängender werden, lügt sie. Aber das trägt nicht weit, denn zur Verlobungsfeier des Bruders, da soll, da muss sie den geheimnisvollen Freund endlich mitbringen. Also bittet sie kurzerhand Nuno, ihren gut aussehenden portugiesischen Arbeitskollegen, bei der Verlobungsfeier den Freund zu spielen, den "Freund aus Faro".

In Wahrheit hat Mel mit Männern nichts am Hut. Wenn sie abends zum Tanzen in die Disco geht, dann trägt sie Männerklamotten und freut sich, wenn sie die Blicke der Frauen auf sich zieht. Eines Abends begegnet sie auf dem Weg zu einer Disco-Nacht Jenny. Die ist erst 14, hat lange blonde Haare, träumt Barbieträume von Sternennächten mit tollen Jungs, und Mel erfindet sich für sie neu, als Kerl namens Miguel, als rätselhafter portugiesischer "Freund aus Faro".

Jetzt wird die Sache erst recht kompliziert: Ganz praktisch ist es schon schwierig, in der einen Hälfte des Lebens ein charmantes Mädchen zu sein, in der anderen ein cooler Mann. Und dann verstrickt sich Mel auch ihren nächsten Menschen gegenüber in einem Geflecht aus Lügen - dabei möchte sie nichts lieber als wahrhaftig leben. Nur Mels Vater durchschaut seine Tochter. Die anderen in Mels Umgebung interessieren sich vor allem für ihre eigenen Wünsche und Erwartungen, auch Eifersucht ist im Spiel, und zunehmend eskaliert die Situation.

Es geht in Nana Neuls Spielfilmdebüt "Mein Freund aus Faro" - zu dem sie auch das Script schrieb und für das sie beim Max Ophüls Festival mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet wurde - wieder einmal um die Identität; als könne und dürfe man nicht mehrere zugleich haben. Dabei ist es nur die Umgebung, die fordert, man müsse sich entscheiden. Einmal fällt in einem Dialog beiläufig der Name "Pessoa" - auch der berühmte portugiesische Dichter Fernando Pessoa schrieb unter vier verschiedenen Namen.

Aber das Spiel der Unsicherheit, der Verführung, hat nicht nur seinen eigenen Reiz, es ist manchmal - das zeigt die Regisseurin auch - eine existenzielle Notwendigkeit. "Mein Freund aus Faro" ist jedoch nicht nur die Geschichte eines "Coming Outs". Es geht darin auch um das Erwachsenwerden, um die Tristesse der Provinz, und Möglichkeiten, ihr zu entfliehen. Insofern ist der Regisseurin hier auch ein unkonventioneller Heimatfilm gelungen, wie es ihn glücklicherweise alle paar Jahre mal gibt im deutschen Kino.

Bestechend sind die Auftritte der Film-Neulinge Anjorka Strechel (Mel) und Lucie Hollmann (Jenny) in den Hauptrollen. Überzeugend und originell ist die Bildsprache, die sehr konsequent mit Farben arbeitet. Die Inszenierung ist präzis und in vielem mutig, wie auch die Entscheidung der Regisseurin, auf Klischees und überdeutliche Symbolik zu verzichten, manches im Vagen zu lassen. Geschickt erweitert Nana Neul so die Eindimensionalität der Genres zu einem klugen Film über die Liebe.

Mein Freund aus Faro

Deutschland 2008

87 min., ab 12 Jahren

Regie: Nana Neul

Darsteller: Anjorka Strechel,

Lucie Hollmann, Thilo Prückner, Manuel Cortez

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