Karaseks Woche

Vater sein dagegen sehr

Über eingeübte Bräuche an Himmelfahrt

Diesmal folgte der Vatertag auf den Muttertag in so gehetzter Eile, dass er ihm fast auf die Fersen trat. Das hängt damit zusammen, dass beides bewegliche Feste sind. Das erstere, Muttertag genannt, wird von der Blumenindustrie, dem schlechten Gewissen der Söhne und der Telekom-Werbung auf Trab gehalten. Der Vatertag bewegt wenigstens für einen Tag von der Familie weg – in ein großes Besäufnis, auch Himmelfahrt genannt, und endet in der Hölle eines schweren Katers. Besäufnisse, wie sie keiner so wie Wilhelm Busch in seinen Schreckensbildern festhalten konnte. An Vatertagen dürfen auch Noch-Nicht-Väter zwecks Einübung mitmachen. Es gilt die Wilhelm-Busch-Devise: „Vater werden ist nicht schwer / Vater sein dagegen sehr.“

An Vatertagen tun’s auch andere hochprozentige Getränke. Die folgende Einsicht stammt nicht von Busch, sondern fließt aus dem Volksmund: „Wein auf Bier, das rat ich dir / Bier auf Wein, das lass sein.“ Oder wie es in dem Stück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ heißt: „Mische nicht / Und wenn das Herz auch bricht.“ Ausgerechnet Wilhelm Busch, der die Freuden des Vaterwerdens und die Leiden des Vaterseins so trefflich summiert hat, ist nie Vater geworden. Und außer in seiner Trilogie von Herrn Knopp, wo er Freuden und Leiden der Ehe festhält, handeln seine Bildergeschichten nie von Eltern und Kindern. Kinder leben lieber feindselig bei heuchlerischen Vormunden, Onkeln, Tanten, etwa die Fromme Helene oder Fritz in „Hans Huckebein, der Unglücksrabe“. Kurz: von bösen Buben, die alte Leute ärgern, die sich grausam rächen. Busch hat im Julchen-Teil der Knopp-Trilogie den unverheirateten Onkel, der er geblieben ist, so beschrieben: Der wird „am Ende krumm und faltig / Grimmig, greulich, ungestaltig / Bis ihn dann bei Nacht und Tag / Gar kein Mädchen leiden mag. / Onkel heißt er günst’gen Falles / Aber dieses ist auch alles.“

Dann lieber den Kater. Einmal im Jahr. Und die grimmige Einsicht des leider vergessenen Günter Eich: „Ich kann meine Eltern nicht leiden: Vater Staat und Mutter Natur!“

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost