Nachfolge

Müller greift in Theaterstreit ein

Der Regierende Bürgermeister nennt Claus Peymanns Äußerungen „eine Unverschämtheit“

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat sich erstmals in dem Streit um die Nachfolge am Berliner Ensemble (BE) und der Volksbühne geäußert und die Kritik von BE-Intendant Claus Peymann an seiner Kulturpolitik scharf zurückgewiesen. „Die Behauptung, ich wäre vor drei Wochen zum ersten Mal in der Oper gewesen, ist eine Unverschämtheit“, sagte Müller, der auch Kultursenator ist, im Gespräch.

Der Regierende Bürgermeister, der gelernter Drucker ist und kein Abitur hat, vermutet, dass Peymanns Kritik auch auf seine Biografie abzielt: „Hätte Herr Peymann seine Kritik genauso formuliert, wenn ich Dr. Michael Müller wäre? Ich glaube nicht. Da steckt die völlig haltlose Unterstellung dahinter, wonach der Handwerker Müller natürlich nicht ins Theater geht.“ Das sei „ein überraschend elitäres Kulturverständnis für einen, der am Theater Bertolt Brechts inszeniert. Insofern will ich ein paar Dinge auch nicht so stehen lassen“, so Müller.

Der Streit um die Berliner Theaterpolitik ist Anfang April von BE-Intendant Peymann ausgelöst worden. Peymann kritisierte Müller und Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) erst in einem offenen Brief und dann in Interviews. Beide seien „zu einer verantwortungsvollen Kulturpolitik nicht in der Lage“, schimpfte Peymann. Und weiter: Renner sei ein „Nichtkenner, Nichtkönner, Nichtwisser“ und „kultureller Umweltzerstörer“, und Müller sei neulich erstmals in seinem Leben in einer Oper gewesen – nachdem ihn Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) in den „Freischütz“ „reingezerrt“ habe, sagte Peymann.

Diese Kritik hat den Regierenden Bürgermeister sehr getroffen. Mit seiner Reaktion hat sich der Konflikt um die künftige Intendanz an der Volksbühne und die Berliner Kulturpolitik insgesamt noch einmal verschärft. In Kürze will Renner die Nachfolge von Frank Castorf verkünden, der 2017 nach einem Vierteljahrhundert an der Spitze des Hauses aufhören soll. Ein Kandidat ist Kunstkurator Chris Dercon, der die Leitung der Londoner Tate Modern übernommen hat. Zuvor hatte der Belgier im Münchner Haus der Kunst gearbeitet. Da Dercon nicht aus dem Theaterbereich stammt, kam der Vorwurf auf, Renner wolle aus der Volksbühne eine „Eventbude“ machen. Auch die Intendanten Joachim Lux (Hamburger Thalia Theater), Ulrich Khuon (Deutsches Theater Berlin) und Martin Kusej (Münchner Residenztheater) äußerten Bedenken und wandten sich am Montag mit einem offenen Brief an Renner. Berlin drohe demnach sein „Alleinstellungsmerkmal“ zu verlieren. Für Renner hingegen soll die Volksbühne ein Ort werden, „an dem spartenübergreifend gearbeitet wird und die zentralen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Fragen verhandelt werden“.

Für Peymann ist bereits ein Nachfolger gefunden. Oliver Reese soll im August 2017 das BE übernehmen. Reese ist seit 2010 Intendant des Schauspiels Frankfurt/Main.