Unglück

„Es war sein Wille, dieses Flugzeug zu zerstören“

Staatsanwalt: Copilot Andreas Lubitz sperrte den Kapitän aus und ließ den Airbus A320 absichtlich abstürzen

Der Copilot der verunglückten Germanwings-Maschine hat den Airbus mit 149 Menschen an Bord mit Absicht in die Katastrophe gesteuert. Staatsanwalt Brice Robin von der französischen Untersuchungsbehörde in Marseille sagte: „Es war sein Wille, dieses Flugzeug zu zerstören“. Der 27 Jahre alte Andreas Lubitz war zu dem Zeitpunkt, als der Airbus in den französischen Alpen zerschellte, alleine im Cockpit. Hinweise auf einen Terrorakt gebe es nicht, sagte der Staatsanwalt am Donnerstag. Die Motive des Mannes aus dem rheinland-pfälzischen Montabaur sind völlig unklar. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete den Absturz als Tragödie von unfassbarer Dimension. „So etwas geht über jedes Vorstellungsvermögen hinaus“, sagte sie.

Der Flugkapitän hatte nach Erkenntnissen der Ermittler das Cockpit verlassen, um auf die Toilette zu gehen, und das Kommando seinem Kollegen übergeben. Als er zurück ans Steuer wollte, habe er die automatisch verriegelte Kabinentür nicht mehr öffnen können. Die plausibelste Deutung gehe dahin, dass Copilot Andreas Lubitz vorsätzlich verhindert habe, dass die Tür geöffnet werde, erklärte der Staatsanwalt. Auf Ansprache des Towers habe er nicht reagiert. Ein Notruf wurde nicht abgesetzt.

Auf der von dem Voice Recorder aufgezeichneten Audiodatei sei bis zuletzt schweres Atmen aus dem Cockpit zu hören gewesen, sagte Staatsanwalt Robin. Der Copilot war also noch am Leben. Gesagt habe er aber nichts mehr. In den letzten Minuten, bevor der A320 mit 150 Menschen an Bord an einer Felswand zerschellt sei, hätten der ausgesperrte Kapitän und die Crew von außen gegen die Cockpit-Tür gehämmert. „Die Schreie der Passagiere hören wir erst in den letzten Sekunden auf dem Band“, berichteten die Ermittler. In den ersten 20 Minuten nach dem Start haben sich Flugkapitän und Copilot noch ganz normal über die bevorstehende Landung in Düsseldorf unterhalten.

Germanwings und die Konzernmutter Lufthansa reagierten mit Bestürzung und Entsetzen auf die jüngsten Erkenntnisse. „Das macht uns fassungslos“, sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr. „Nicht in unseren schlimmsten Alpträumen hatten wir uns das verstellen können.“ Der Vorstandschef sprach vom „furchtbarsten Ereignis in unserer Unternehmensgeschichte“. Zugleich nannte Spohr den Verdacht gegen den Copiloten Andreas Lubitz einen „tragischen Einzelfall“. Was ihn zu seiner Tat bewegt habe, sei noch unklar. Auf Fragen, ob es sich um einen Selbstmord des Mannes gehandelt habe, sagte Spohr: „Wenn ein Mensch 149 Menschen mit in den Tod nimmt, ist das ein anderes Wort als Selbstmord.“

Am Donnerstag begannen Ermittler damit, die Wohnung von Andreas Lubitz am Stadtrand von Düsseldorf und sein Elternhaus in Montabaur zu durchsuchen. Französische Staatsanwälte hatten die Ermittler in Düsseldorf um Hilfe gebeten. Kriminalbeamte suchen nun nach Hinweisen auf ein mögliches Motiv oder ein Anzeichen für eine psychische Erkrankung.

Die deutsche Luftaufsicht teilte mit, dass bei den routinemäßigen Sicherheitsüberprüfungen des Mannes keine Auffälligkeiten festgestellt wurden. Zuletzt sei dem Copiloten Ende Januar bescheinigt worden, dass keine strafrechtlichen oder extremistischen Sachverhalte gegen ihn vorliegen. Lufthansa-Chef Carsten Spohr sagte, in der Ausbildung von Andreas Lubitz habe es eine längere Unterbrechung gegeben, aber: „Er war 100 Prozent flugtauglich. Ohne jede Auffälligkeit.“ Der 27-Jährige hatte 630 Flugstunden absolviert, und arbeitete laut Lufthansa schon viele Jahre für den Konzern. Unter anderem als Flugbegleiter. Spohr war nicht bekannt, dass es beim Hinflug schon Hinweise auf auffälliges Verhalten des Copiloten gegeben habe. Das Unglück könne nicht das Vertrauen in die Piloten erschüttern. „Trotz dieses fürchterlichen Einzelfalles haben ich und meine Kollegen im Vorstand und bei der Germanwings festes Vertrauen in dieses seit Jahren erprobte Verfahren“, sagte Spohr weiter. „Sie sind und bleiben die besten der Welt.“

Einmal pro Jahr gebe es Untersuchungen, sagte der Lufthansa-Chef. Explizite psychologische Tests gebe es nach der Ausbildung nicht mehr. „Wir werden uns hinsetzen und sehen: Was können wir besser machen bei der Ausbildung?“ Zum Verlassen des Cockpits durch den Kapitän sagte Spohr: „Der Kollege hat vorbildlich gehandelt, er hat das Cockpit verlassen, als die Reiseflughöhe erreicht war.“

In der Nähe der Absturzstelle trauerten am Donnerstag zahlreiche Familienangehörige. Die Angehörigen der Besatzungsmitglieder trafen am Nachmittag in Seyne-les-Alpes ein. Getrennt von ihnen wurden fast 300 Angehörige der getöteten Passagiere im einige Kilometer entfernten Le Vernet empfangen. In beiden Ortschaften wurden Kapellen für die Trauernden eingerichtet. In Le Vernet versammelten sich die Angehörigen gegenüber der Berge, in denen der Airbus A320 zerschellt war. Polizisten und Feuerwehrleute hielten Fahnen der Ländern, aus denen die Opfer kamen. An der Absturzstelle gingen die Bergungsarbeiten unterdessen weiter.

Auch am Donnerstag trat wie schon in den vergangenen Tagen eine Germanwings-Crew ihren Dienst nicht an, weil sie sich emotional dazu nicht in der Lage sah. Der Flug von Berlin nach Zagreb wurde daraufhin von Coratia Airlines übernommen. Nach dem Absturz ziehen nun auch die größten deutschen Fluggesellschaften Konsequenzen. Sie wollen die Zwei-Personen-Regel im Cockpit einführen. Künftig soll sich kein Pilot mehr alleine im Cockpit aufhalten dürfen. Das sagte Matthias von Randow, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) am Donnerstagabend. Auch die Fluglinie Norwegian Air Shuttle änderte wenige Stunden nach Bekanntwerden der Ereignisse ihre Sicherheitsvorschriften. Künftig müsse das Cockpit immer von mindestens zwei Menschen besetzt sein, erklärte ein Vertreter der drittgrößten europäischen Billigfluglinie. „Es kann das Cockpit nur verlassen werden, wenn noch zwei Menschen darin bleiben.“

Das Auswärtige Amt korrigierte die Zahl der deutschen Opfer des Absturzes inzwischen von 72 auf 75 Tote nach oben.