Karaseks Woche

Vogelfrei in Moskau

Über den Umgang mit Regierungskritikern

Taucher in der Moskwa wurden gezeigt, wie sie noch in der Nacht nach der Tatwaffe suchend in die schmutzig-kalten Fluten stiegen. Ein Vorsitzender einer Untersuchungskommission, spezialisiert auf nationalistische Attentate, begann seine breitspurige Arbeit. Und Anna Durizka, die Freundin, die das Opfer begleitet hatte, wurde als Ukrainerin mit einem Lügendetektor befragt, ob es sich um eine ukrainische Eifersuchtstat aus Patriotismus oder aus verschmähter Liebe oder aus Rache für eine Abtreibung handle. Schmieriger geht’s nicht! Einen Lügendetektor hatte Putin offenbar nicht eingeschaltet, als er der Mutter des ermordeten Opponenten Nemzow sein tiefes Beileid versicherte. Wie reagieren Lügendetektoren auf Krokodilstränen?

Der Wahrheit näher kommt eine Aussage, die die Kreml-Gegnerin Alina Wituchnowskaja, eine Schriftstellerin, zu Protokoll gab. Sie wurde am „Tag der Vaterlandsverteidiger“, also am 23. Februar, vor ihrer Haustür von zwei Männern in Polizeiuniform überfallen, die sie wegen ihrer regierungsfeindlichen Internetauftritte zum Mitkommen aufforderten. Als sie fragte, wer die beiden seien, bekam sie einen Schlag ins Gesicht. Sie habe danach den öffentlichen Notdienst angerufen. Als es wenig später an der Tür klingelte und sie meinte, es seien Sanitäter, schlugen sie die beiden Besucher vom Vormittag, offenbar mit neuen Instruktionen, krankenhausreif. Gehirnerschütterung, Verletzung der Wirbelsäule. Offenbar, so das Opfer, seien auf einer subalternen Polizeiebene Regimekritiker inzwischen vogelfrei.

Wer auch immer Boris Nemzow hinterrücks erschossen hat, er tat das im Auftrag der Angst, den die Kreml-Führung inzwischen offen gegen Opponenten einsetzt. Angst ist ein Druckmittel von Staaten, die insofern despotische Regime sind, als sie nicht bereit sind, ihre Bürger vor ihrer eigenen Willkür zu bewahren. Die Angst als Komplize ist den Kleptokraten und Großreichrussen im Kreml offenbar wichtiger als die notdürftigste Maskerade, einer zivilisierten Welt anzugehören. Lupenreiner Despotismus.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost