Karaseks Woche

Anarchie im Niemandsland

Als Europa wie der Mittlere Osten war

Der Elfjährige, der ich im Sommer 1945 war, lebte in einem schlesischen Straßendorf, wo seine Familie nach Kriegsende untergeschlüpft war. Er ging nicht zur Schule, es gab keine, es gab auch keine Post, keine Bank, es gab kein Telefon, kein Radio (auf Radiobesitz stand die Todesstrafe), keine Zeitungen, keine Polizei, keine Behörden. Nix! Ab und zu zogen Horden von Soldaten durch den Ort, nahmen Kühe von den Höfen mit, die jungen Frauen versteckten sich dann, um nicht eventuell vergewaltigt zu werden. Auch totgeschlagen, eventuell, kein Hahn krähte danach. Man hörte keinen Flugzeuglärm, keine Autos, nur die Geräusche der Kühe, die ich auf der Wiese weidete. Zwölf Kühe, die meist friedlich mampften.

Es war eine Idylle. Es war die idyllische Seite der Anarchie im Niemandsland. Am Rathaus hatte ein Anschlag verkündet, dass das Gebiet zu Polen zurückgekehrt war. Erst Monate später kamen polnische Bauern, mit denen die deutschen Bauern in Symbiose lebten. Noch Monate später fuhren sie uns mit dem Bauernwagen zu einem Bahnhof, wo wir ausgesiedelt wurden. Tagelang in Viehwaggons. Aber ohne Todesangst, wie Viehwageninsassen vor 1945. Ich erinnere mich daran, weil ich gerade das erste große Buch zum neuen Jahr gelesen habe. Keith Lowe: „Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943 – 1950“.

Das letzte Jahr war das der Bücher zur Erinnerung an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914. Kriegsschuld, Massensterben, Flandern, Verdun, Versailles waren die Themen. Jetzt also 2015, die 70-jährige Wiederkehr des Kriegsendes 1945. Und liest man das Buch des britischen Historikers Lowe, dann entsteht mitten im heutigen Europa das exakte Bild, das TV-Berichte aus der Ukraine und dem Mittleren Osten vermitteln: Trümmer, Religionsmorde, Flüchtlingselend, Kriege, Partisanen.

Europa damals, das war der Mittlere Osten heute. Was uns Lichtjahre weit entfernt scheint, war 1943 bis 1950 Realität. Aber eine lautlose Realität. Ohne Bilder, ohne Nachrichten. Ohne Öffentlichkeit als Zeuge.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost