Gedenken

Berlin feiert seine Freiheit

Am Tag des Mauerfalls zieht die Lichtergrenze eine Million Menschen an. 7000 Ballons steigen in den Himmel auf

Erinnerungen an den Tag des Mauerfalls, Bürgerfeste, Konzerte und eine neue Ausstellung zur Berliner Mauer: Mehr als eine Million Besucher aus aller Welt feierten am Sonntag in Berlin die Öffnung der innerdeutschen Grenze vor 25 Jahren.

Die 1989 erkämpfte Freiheit habe für Berlin den Weg geebnet zu einer Metropole, „die Mut macht, sich mit keiner Mauer dieser Welt abzufinden“, sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) beim Festakt zum Mauerfall-Jubiläum im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Die Stadt müsse auch in Zukunft bereit sein für den Wandel. „Die Offenheit für Neues ist der Treibstoff Berlins.“ Mit Blick auf die vielen Flüchtlinge, die in Berlin Zuflucht suchen, sagte Wowereit: „Wir wollen eine solidarische Stadt, die nicht auf Abwehr schaltet, sondern eine Willkommenskultur pflegt.“ Hass und Gewalt dürften in Berlin keinen Platz haben.

Zum Höhepunkt der Mauerfall-Feierlichkeiten stiegen am Abend rund 7000 weiße Leuchtballons der Installation „Lichtgrenze“ auf, die die einstige innerstädtische Grenze nachzeichneten. Wowereit entließ den ersten Ballon in den Nachthimmel. Er sagte vor dem Brandenburger Tor mit Blick auf die Grenzöffnung: „Wir sind heute noch sehr glücklich und stolz. Wir sind ein glückliches Volk.“ Neben dem Regierungschef standen unter anderem Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der frühere sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow auf der Bühne. Er wurde mit langem Applaus und „Gorbi, Gorbi“-Rufen von den Menschen gefeiert. Die Berliner Staatskapelle unter der Leitung von Daniel Barenboim spielte dazu Beethovens „Ode an die Freude“.

Bereits am Sonntagvormittag hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wowereit an der Gedenkstätte Bernauer Straße symbolisch Blumen in die Fugen der dort verbliebenen Mauersegmente gesteckt. Nach einem ökumenischen Gottesdienst in der wieder errichteten Versöhnungskapelle zündeten sie Kerzen an, mit denen der Mauertoten gedacht wurde.

Merkel sieht die Öffnung der innerdeutschen Grenze vor 25 Jahren als Vorbild für andere Freiheitsbewegungen. „Der Mauerfall hat uns gezeigt: Träume können wahr werden“, sagte die Kanzlerin bei der Eröffnung einer neuen Dauerausstellung in der Gedenkstätte Bernauer Straße. „Wir können die Dinge zum Guten wenden. Das ist die Botschaft des Mauerfalls“, sagte Merkel weiter. Dies gelte in diesen Tagen ganz besonders auch für andere Regionen in der Welt, wo Freiheits- und Menschenrechte „bedroht oder mit Füßen getreten werden“. Die Kanzlerin nannte dabei unter anderem die Ukraine und Syrien. Heute biete ein „geeintes und auf ein gemeinsames Wertefundament gebautes Europa“ jedem Einzelnen „alle Chancen, sein Leben frei zu gestalten“. Merkel bekräftigte, das in der DDR geschehene Unrecht müsse auch weiterhin als solches bezeichnet werden. Damit es nicht in Vergessenheit gerate, würden Orte der Erinnerung benötigt, sagte Merkel.

Der Präsident des Europa-Parlaments, Martin Schulz (SPD), sagte beim Festakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, der Mut der DDR-Bürgerrechtler sei „Freiheitskämpfern auf der ganzen Welt bis heute ein Vorbild“. Schulz fügte mit Blick auf die anderen osteuropäischen Länder hinzu: „Wohin man 1989 in Europa blickte – der Funke der Freiheit war entzündet.“ Die Wege zur Freiheit seien unterschiedlich gewesen, „aber sie waren immer friedlich“.

Doch in die heitere Stimmung mischten sich auch kritische Töne. Michail Gorbatschow erhob schwere Vorwürfe gegen den Westen. „Die Welt ist an der Schwelle zu einem neuen Kalten Krieg“, sagte er bei einer Diskussion mit Blick auf den Ukraine-Konflikt. Der Friedensnobelpreisträger warf dem Westen und insbesondere den USA vor, ihre Versprechen nach der Wende 1989 nicht gehalten zu haben.