Arbeitskampf

Chaos auf Berlins Bahnsteigen – Lokführer wollen weiter streiken

Gericht lehnt Antrag der Deutschen Bahn ab. Arbeitsniederlegung noch bis Montagfrüh

Fahrgäste von S-Bahn und Fernzügen müssen sich weiter auf viele Ausfälle einstellen. Das Frankfurter Arbeitsgericht lehnte am späten Donnerstagabend nach stundenlanger Verhandlung einen Antrag der Deutschen Bahn ab, die den Streik der Gewerkschaft GDL als unverhältnismäßig verbieten lassen wollte. Laut Urteil verstößt der Arbeitskampf nicht gegen die Friedenspflicht und ist auch verhältnismäßig. Die Bahn will gegen die Entscheidung jedoch in Berufung gehen.

Dem Urteil vorausgegangen waren zähe Verhandlungen über einen Vergleichsvorschlag. Dieser scheiterte letztlich jedoch daran, dass die GDL bereits in den Schlichtungsplan hineinschreiben wollte, dass es bei der Bahn verschiedene konkurrierende Tarifverträge geben könnte. Das lehnt das Unternehmen ab.

Der Ausstand, der noch bis Montagfrüh andauern soll, trifft seit Donnerstagfrüh den Personenverkehr. In Berlin und Brandenburg war der Streik massiv zu spüren. Nur etwa jeder fünfte Regionalzug sei gefahren, sagte ein Bahnsprecher. Bei der S-Bahn sah es etwas besser aus: Hier war jeder dritte Zug unterwegs. Im Berufsverkehr waren nach Angaben der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) etwa 60 bis 70 Prozent mehr Fahrgäste in U-Bahnen, Straßenbahnen und Bussen unterwegs als an normalen Werktagen. Vor allem die U-Bahnlinien U2, U5, U6 und U8 sowie die Straßenbahnlinie M4 waren wegen der vielen Umsteiger sehr voll. Die S-Bahn betonte jedoch, es seien mehr Lokführer zum Dienst erschienen als gedacht. Deshalb konnten vier Linien längere Strecken bedienen als noch am Vortag geplant. So fuhren die S5 und die S7 bis zur Friedrichstraße statt lediglich bis zum Alexanderplatz. Mit der S9 kam man vom Flughafen Schönefeld bis zur Landsberger Allee statt nur bis zum Ostkreuz. Die S46 fuhr bis Schöneberg statt zum Südkreuz. Jeder Bahnhof, der zusätzlich angefahren werden konnte, sei ein Gewinn, betonte der Bahnsprecher. Auch im Regionalverkehr seien 40 Züge mehr eingesetzt worden als gedacht.

Im Fernverkehr fuhr die Deutsche Bahn etwa ein Drittel der Züge. Fernbusse und Mietwagenfirmen verbuchten den erwarteten Ansturm. Bei der Güterbahn rollte rund die Hälfte der Züge, eilige Transporte etwa für die Auto- oder Chemieindustrie wurden bevorzugt. Der Arbeitskampf wird die Bahn rund 100 Millionen Euro kosten, wie der Anwalt des Konzerns sagte. Der deutschen Wirtschaft entstünden pro Streiktag Schäden von ebenfalls rund 100 Millionen Euro.

Die Kritik an der GDL riss unterdessen nicht ab. Selbst der Beamtenbund (DBB), unter dessen Dach die GDL organisiert ist, äußerte sich kritisch darüber, dass die Spartengewerkschaft eine Schlichtung ablehnt. Dies sei nicht abgesprochen gewesen, sagte DBB-Chef Klaus Dauderstädt in der ARD. Er hätte der GDL empfohlen, sich auf eine Schlichtung unter bestimmten Bedingungen einzulassen. Der DBB speist mit Geld auch die Streikkasse der GDL. Kern des Konflikts ist, dass die GDL nicht mehr allein für die 20.000 Lokführer verhandeln will, sondern auch für rund 17.000 Zugbegleiter und Rangierführer. Die Vertretung dieser Gruppe beansprucht aber die größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Die Bahn wiederum lehnt konkurrierende Gehaltsabschlüsse ab.

In Berlin sorgte der Streik auch bei der Tourismus-Branche für Verärgerung. Die Stadt erwartet an diesem Wochenende Millionen Besucher zum Jubiläum des Mauerfalls. Der Geschäftsführer von „Visit Berlin“, Burkhard Kieker, sprach von einer egoistischen Aktion von einigen wenigen auf Kosten vieler. „Ich glaube, dass wir an Kopf und Herz der Lokführer appellieren müssen, den Deutschen nicht 25 Jahre nach Mauerfall neue Reisebeschränkungen aufzuerlegen“, sagte er. Stornierungen habe es allerdings kaum gegeben.