Fluggesellschaften

Überraschender Machtwechsel stürzt Air Berlin in Turbulenzen

Nun soll Stefan Pichler die angeschlagene Fluggesellschaft in die schwarzen Zahlen steuern

Überraschend hat Air Berlin einen neuen Chef berufen. Stefan Pichler soll die angeschlagene Fluggesellschaft in die schwarzen Zahlen steuern. Der 57-Jährige soll den Posten im Februar 2015 von Wolfgang Prock-Schauer, 57, übernehmen, der das Unternehmen nicht verlässt, sondern dem Vorstand weiter als eine Art Chefstratege angehören wird. Air-Berlin-Aufsichtsratschef Hans-Joachim Körber freute sich, „dass wir mit Stefan Pichler eine starke Führungspersönlichkeit verpflichten können“.

Prock-Schauer hatte den Chefsessel bei Air Berlin im Januar 2013 von Hartmut Mehdorn übernommen und dem Unternehmen zuletzt ein umfangreiches Sanierungskonzept verordnet, nachdem alle Sparprogramme zuvor nicht ausgereicht hatten. Die Fluggesellschaft konzentriert sich künftig auf Deutschland, Österreich und die Schweiz und will stärker mit seinen Partnern zusammenarbeiten, etwa der US-Fluggesellschaft United Airlines für Flüge nach Amerika und mit Etihad aus den Vereinigten Arabischen Emiraten für den asiatischen Markt, in dem Prock-Schauer große Wachstumschancen sieht. Zudem setzt Air Berlin auf einheitliche Maschinen und streicht verlustbringende Strecken, was etwa fünf Prozent des Netzes ausmacht. Auch sollen weitere 200 der noch 8500 Stellen wegfallen. Prock-Schauer hatte für 2016 schwarze Zahlen angekündigt.

Pichler ist derzeit bei Fiji Airways, früher Air Pacific, tätig, die er sanierte. Zuvor gelang ihm dies bereits bei Jazeera Airways aus Kuwait und Virgin Blue, heute Virgin Australia. Alle drei sind allerdings wesentlich kleiner als Air Berlin, die im vergangenen Jahr 31,5 Millionen Passagiere beförderte. Bevor es Pichler nach Asien zog, war er 2000 bis 2004 Chef des Touristikunternehmens Thomas Cook, das er durch zahlreiche Zukäufe zur Nummer zwei hinter TUI aufbaute.

Air Berlin wies in den vergangenen fünf Jahren nur einmal schwarze Zahlen aus. Im vergangenen Jahr flog die Gesellschaft bei einem Umsatz von 4,5 Milliarden Euro einen Rekordverlust von 315,5 Millionen Euro ein. Seit Jahren hält sich das Unternehmen nur dank Finanzspritzen des Großaktionärs Etihad in der Luft. Die arabische Fluggesellschaft hält etwas über 29Prozent an Air Berlin. Zuletzt hatte es Ärger wegen sogenannter Codeshare-Abkommen gegeben.

Beim Codesharing bietet eine Fluggesellschaft Flüge mit Umsteigen an, bedient selbst aber nicht alle Teilstrecken, sondern lässt sie von Partnern fliegen. Das Luftfahrtbundesamt hatte Etihad die Hälfte der 68 angemeldeten Codeshares mit Air Berlin zunächst untersagt, dann aber doch genehmigt. Derzeit verhandeln Deutschland und die Vereinigten Arabischen Emirate deshalb über eine Änderung des gemeinsamen Luftverkehrsabkommens.

Pichlers Aufgabe ist nicht nur, das Überleben von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft nach der Lufthansa zu sichern. Am Wohl Air Berlins hängt auch ein guter Teil der Zukunft des Berliner Flughafens BER. Bereits jetzt ist die Fluggesellschaft mit rund 50 Prozent Marktanteil der größte Kunde am Flughafen Tegel. Und die Präsenz sollte am BER noch ausgebaut werden. Und das Flughafenkonzept wiederum baut auf eine große, starke Fluggesellschaft, die den BER als Heimatbasis sieht.

Pichler gilt als sehr durchsetzungsstark, eine Eigenschaft, die Prock-Schauer eher abgeht. Dem Österreicher liegen scharfe Töne und drastische Ansagen nicht. Aus dem Unternehmen ist zu hören, dass das Sanierungskonzept jetzt mit mehr Druck umgesetzt werde.