Fachkräftemangel

Berlin droht der Pflegenotstand

Kliniken suchen im Ausland nach Personal. Gesundheitssenator will Ausbildung reformieren

– Die Berliner Krankenhäuser haben zunehmend Schwierigkeiten, gut ausgebildete und qualifizierte Pflegekräfte zu finden. Vor diesem Hintergrund fordern Experten Reformen bei der Ausbildung und der Festschreibung der für Krankenschwestern und -pfleger zulässigen Aufgabenfelder. Dazu seien auch Gesetzesänderungen notwendig, hier sei vor allem die Bundespolitik am Zuge, so die Berliner Pflegeexperten.

Am Universitätsklinikum Charité arbeiten zurzeit etwa 4200 Pflegekräfte. Zwischen dem Charité-Vorstand und der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wurde vereinbart, in diesem Jahr 80 zusätzliche Mitarbeiter einzustellen. Doch bislang sind nicht alle Stellen besetzt. Es sei schwer, junge Menschen für den Pflegeberuf zu begeistern, weil die Rahmenbedingungen nicht attraktiv erschienen, sagte Evelyn Möhlenkamp der Berliner Morgenpost. Sie ist seit 1. Februar dieses Jahres Pflegedirektorin der Charité. „Junge Menschen müssen erleben, dass sie sinn-erfüllende Aufgaben haben. Sie sollten für sich einschätzen, was der Wert ihrer Arbeit ist“, erklärte Möhlenkamp. Zwar sei eine angemessene Bezahlung wichtig, doch hätten Studien belegt, dass für Pflegende nicht das Geld an erster Stelle stehe. Wichtiger seien Arbeitszufriedenheit, Entscheidungsspielräume sowie Möglichkeiten zur Weiterbildung.

Mit der Bundesärztekammer und auf bundespolitischer Ebene diskutierten Fachleute aus den Kliniken, dass Pflegekräfte weitergehende Aufgaben übernehmen können als bisher, so die Pflegedirektorin. Dazu müsse auch auf gesetzgebender Ebene ausgelotet werden, welche Tätigkeiten Pflegekräfte ausführen dürfen und welche Ärzten vorbehalten bleiben. „Wenn Pflegende in Zukunft erweiterte Aufgaben übernehmen sollen, müssen sie dafür qualifiziert werden“, sagte Möhlenkamp. Zum einen müsse die Ausbildung verbessert werden, zum anderen seien für die Patientenversorgung auch Mitarbeiter notwendig, die wissenschaftsbasiert arbeiten können, also Bachelor- und Masterabsolventen. Der Deutsche Wissenschaftsrat hatte ebenfalls gefordert, dass 10 bis 20 Prozent der Gesundheitsfachberufe auf Grundlage einer akademischen Ausbildung ausgeübt werden sollten.

Auch Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) unterstützt den Ruf nach Reformen. Dazu gehöre die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Berufen in der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege sowie eine für die Auszubildenden kostenfreie Altenpflegeausbildung. Pflegekräfte würden neben ihrer eigentlichen Tätigkeit immer mehr zu Managern und strategisch planenden Organisatoren, so Czaja.

Um einem Fachkräftemangel vorzubeugen, sucht die Charité verstärkt im Ausland nach qualifiziertem Pflegepersonal. Dabei habe man nicht nur die Schweiz und Österreich im Auge, sondern ebenso Italien, Spanien und Portugal. Dort gebe es Ausbildungssysteme, die dem deutschen ähnlich seien, sagte Möhlenkamp. Über das Internetportal der Charité würden sich zudem derzeit auffällig viele Pflegekräfte aus Finnland bewerben.

In den Berliner Vivantes-Krankenhäusern sind knapp 4600 Mitarbeiter in der Pflege beschäftigt. Da Berlin als Arbeitsort sehr attraktiv sei, sei der Fachkräftemangel in der Hauptstadt noch nicht so stark zu spüren wie in anderen Regionen, sagte Vivantes-Sprecherin Kristina Tschenett. Allerdings werde es auch für Vivantes immer wichtiger, die Attraktivität zu stärken. So ermögliche das eigene Institut für Fort- und Weiterbildung eine Karriereplanung. Außerdem sei der Klinikkonzern mit mehr als 800 Ausbildungsplätzen einer der größten deutschen Ausbilder in Gesundheitsberufen, sagte Tschenett.