Karaseks Woche

Eine Operette in Beton

Über den Palast des türkischen Präsidenten

In einem gleichen sie sich alle, die angemaßten und selbst ernannten Alleinherrscher: in ihrer gigantomanischen Architektur. Das jüngste Beispiel, Erdogans weißer Palast in Ankara, ist ein Zeugnis des puren Größenwahns. Fünf Fußballfelder füllt das Anwesen des türkischen Präsidenten, das er wie für ein ewiges Leben und eine 1000-jährige Macht errichtet hat.

Erdogans Regierungspräsidentensitz ist sechsmal so groß wie das Weiße Haus und 27-mal so groß wie der Elysée-Palast des französischen Präsidenten. Eigentlich, wenn man nach den Fotos geht, sieht es eher so aus wie ein ins Gigantische gezerrtes Grauman’s Chinese Theatre in Los Angeles, wo früher die Oscarverleihungen gefeiert wurden. Es ist eher Filmkulisse als zukunftsweisende Architektur. Eher architektonisches Schaumgebäck aus Zement, das Erdogan sich mit brutaler Gewalt in ein Naturschutzgebiet gesetzt hat. Und das, obwohl ihm das höchste Verwaltungsgericht Ankaras das Bauen dort verboten hatte. Wie weit Erdogans geistige Muskelspiele und Kraftakte am politischen Expander gehen, kann man an seiner zynischen Bemerkung über den Gebäudekomplex ablesen. Er sagte, die Richter sollten den Palast doch abreißen, „wenn sie die Macht dazu haben“. Damit verpasst der Bauherrdiktator seinem nur scheinbar unabhängigen Rechtssystem eine schallende Ohrfeige. Der Staat, so sagt Erdogan, das bin ich.

Der Weiße Palast ist damit gleichzeitig ein neueres Beispiel moderner Droharchitektur. So groß wie das Gebäude, will der Protzbau sagen, so groß ist die Macht der Türkei. Das Symbol eines neuen Osmanischen Reichs, das der Präsident als Alleinherrscher in die orientalische Welt senden will. So gingen alle Möchtegernherrscher vor. In Bukarest steht die Casa Poporului, die nach dem Sturz und kläglichen Ende des Diktators Nicolae Ceaușescu allein durch die Instandhaltungskosten das noch immer von Armut geplagte Volk ausbeutet und ausbeutelt. Immer steckt in solcher Architektur der Gedanke, dass etwas in Beton Gehauenes, in Stein Gemeißeltes auch eine Herrschaft für ewig fortschreibt wie Pyramiden eines modernen Pharao. Um mit Hollywood zu sprechen: From here to Eternity. Hitlers gigantische Reichskanzlei, in deren Bunkerräumen der Diktator nach zwölf Herrschaftsjahren verendete, war ja für 1000 Jahre geplant. Auch der Bunker „Al Salam“ in Bagdad, den Saddam Hussein „Friedenspalast“ nannte, kündet nicht mehr von Macht, sondern nur noch von Größenwahn. Nun fügt sich auch Erdogan in diese Reihe der furchtbaren Operettenherrscher.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost