Aggression

Gewalt in Berlins Ämtern nimmt zu

Beleidigungen, Bedrohungen, Übergriffe: Mitarbeiter in den Behörden der Hauptstadt sind mit steigender Aggressivität konfrontiert

Die Fälle von Beleidigungen und Bedrohungen in Berliner Behörden nehmen zu. Das hat eine Bezirksumfrage der Berliner Morgenpost ergeben. So sind vor allem in Friedrichshain-Kreuzberg die Mitarbeiter der Bezirksverwaltung deutlich häufiger als früher verbalen und auch physischen Übergriffen ausgesetzt. Für 2014 sind bis Ende August 21 solcher Angriffe erfasst, darunter Morddrohungen, Anspucken und körperliche Attacken. Auch Reinickendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf melden eine hohe Aggressivität in ihren Amtsstuben.

Friedrichshain-Kreuzbergs Bürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) hat die Vorfälle der vergangenen Jahre auf Anfrage der Grünen-Fraktion aufgelistet. 2009 wurden neun Übergriffe erfasst, 2010 waren es elf, 2012 insgesamt 27. Die tatsächlichen Zahlen waren jedoch weitaus höher, „da bekannt ist, dass Vorfälle nicht gemeldet werden“, so die Bezirksbürgermeisterin. Die einzelnen Verwaltungsbereiche füllten die Vorfallsanzeigen „nur sehr zögerlich“ aus. „Die Toleranz der Beschäftigten, psychische und physische Gewalt zu erdulden, ist sehr hoch.“ Das werde in Gesprächen und Seminaren immer wieder deutlich. Besonders häufig erfolgen die Übergriffe nach Herrmanns Angaben direkt in den Büroräumen der Mitarbeiter. In den Bürgerämtern ereignen sich die Vorfälle wiederum in den Warteräumen und am Tresen im Eingangsbereich. Mitarbeiter des Ordnungsamtes werden auf Straßen und in Parks beleidigt und angegriffen, Mitarbeiter des Jugendamtes erleben häufig Gewalt in Beratungen, aber auch bei Außeneinsätzen.

Besonders viele Fälle von Gewalt gebe es im Rathaus Kreuzberg in der Yorckstraße, sagte Herrmann. Die verwinkelten Flure, die Hinterausgänge und Einzelarbeitsplätze würden von Mitarbeitern als „Angsträume“ beschrieben. Ein Wachschutz ist Montag bis Freitag im Einsatz, allerdings nur bis 17 Uhr. Für das Sozialamt und das Bürgeramt in der Yorckstraße gibt es ebenfalls professionellen Schutz.

Auch in Reinickendorf gibt es Probleme. „Wir haben die dauerhafte Situation, dass Mitarbeiter im Außendienst des Ordnungsamtes beschimpft und beleidigt werden“, sagte Reinickendorfs Bürgermeister Frank Balzer (CDU). „Das ist an der Tagesordnung.“ Drei bis vier Fälle pro Monat kämen vor. „Wir erstatten regelmäßig Anzeige.“ Erfreulicherweise seien körperliche Attacken die Ausnahme. Im Bereich des Jugendamtes habe es kürzlich zwei Gewaltvorfälle gegeben. Mitarbeiter wurden angegriffen, als sie Kinder aus Familien in Obhut nehmen wollten. Als Konsequenz sei ein Wachschutz bei der Außenstelle des Amtes eingerichtet worden.

Im neuen Bürgeramt in den Wilmersdorfer Arcaden wurden im Sommer Mitarbeiter angegriffen, als sie die Vergabe der Wartenummern stoppten. Vier Mütter mit Kinderwagen beschimpften die Beschäftigten und schlugen auf sie ein. Es sei Anzeige erstattet worden, sagte Bürgermeister Reinhard Naumann (SPD). Mitarbeiter des Bürgeramtes am Hohenzollerndamm schrieben sogar einen Brandbrief wegen der vielen Übergriffe. Im laufenden Jahr habe das Rechtsamt in acht Fällen Strafanzeige erstattet. „Insbesondere die Beleidigungsquote ist stetig steigend, nicht nur quantitativ. Es gibt drastische Grenzüberschreitungen.“ Einige Mitarbeiter seien inzwischen arbeitsunfähig. Andere meldeten sich kurzzeitig krank.