Karaseks Woche

Kafkas Schulaufsätze

Was der Schriftsteller früher schrieb

Seit dem vergangenen Donnerstag ist die wohl monumentalste Biografie, die je einem deutschsprachigen Schriftsteller gewidmet wurde, mit dem dritten Band komplett: Reiner Stachs Lebenswerk über Franz Kafka. Insgesamt umfassen die drei Bände 2000 Seiten.

Es ist ein detailreiches, akribisch erforschtes, kongenial erzähltes Leben, das im deutsch-jüdischen Kulturraum Prag, der erst böhmischen, dann tschechischen Hauptstadt stattfand und 1924 mit nur 41 Jahren nach einer grausam-schrecklichen Krankheit endete.

Das Erscheinen von Stachs Mammutwerk trifft sich – zumindest für Deutschlehrer – gut mit der Tatsache, dass Kafka Abiturprüfungsstoff und Aufsatzthema an deutschen Gymnasien und Oberschulen ist.

Der das 20. Jahrhundert prägende Gerichtsroman „Der Prozess“, das „Heizer“-Kapitel des Amerika-Romans und große Parabeln wie „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ sind also geprüfter Schulstoff.

Kafka, Sohn eines jüdischen, deutschsprachigen Galanteriewarenhändlers, besuchte seinerseits das „Staatsgymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Prag Altstadt“. Und in den Anmerkungen zum jüngsten Band der Biografie findet man nun auch Kafkas Aufsatzthemen aus den Jahren 1895–96.

Darunter: „Das 16. Jahrhundert, ein Heldenzeitalter Österreichs“. Es war, notabene, ein Jahrhundert der Unterdrückung und Schmach der Tschechen. Oder: „Die Entwicklung der Kultur nach Schiller“. Und in der achten Klasse: „Wie führt die Jungfrau von Orleans den in ihrer Brust entstandenen Streit zwischen Pflicht und Neigung wieder zur Einheit?“

Für mich elektrisierend ist ein Aufsatzthema der sechsten Klasse: „Germanische Treue nach der nordischen Überlieferung der Nibelungensage.“ Nibelungen-Treue? War das nicht das unheilvolle Bündnis zwischen Österreich-Ungarn und dem wilhelminischen Deutschland, das ein Jahrzehnt später nach dem Attentat von Sarajevo in den Ersten Weltkrieg führte?

Im Jahr 1919 erlebte der schon todkranke Dichter vor seinem Fenster als Folge die Geburt der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Erspart blieben ihm die Folgen der Folgen in der Nazi-Okkupation nach 1938: die Ermordung seiner drei Schwestern im Holocaust.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost