Karaseks Woche

Des Sommers graue Haare

Über die Zwischenzeit bis Herbst

Jetzt sind wir mitten in der Zwischenjahreszeit, die ich mich nicht zu benennen traue. Es ist die kurze und schöne Zeit zwischen Sommer und Herbst. In diesem Jahr war sie, jedenfalls bis gestern, strahlend und seidenblau schön.

Früher sagte ich zu den wehmütigen Tagen des Nachsommers „Altweibersommer“. Der heißt so, weil feine Spinnweben durch die Luft wehen, die sich in Strauch und Baum verheddern und wie graues oder weißes Haar aussehen. Mit „Altmännersommer“ wäre nichts besser, weil viele von uns gar keine Haare mehr auf dem Kopf haben. Dazu sang der Kabarettist Otto Reutter: „Kriegst du ’ne Glatze, dann zieh keine Falten/ Kannst dann beim Haarschneid’n den Hut aufbehalten./ Hast du ’ne Glatze, so zieh kein Gesicht/ Gräme dich nicht!“

Meine Mutter, die eine sehr junge Mutter für mich war, zudem jugendbewegt und beim „Wandervogel“, und ergo schon damals keinem über 30 traute, sang: „Hab mein’ Wagen vollgeladen/ Voll mit jungen Mädchen/ Als wir zu dem Tor reinkamen/ Sangen sie durchs Städtchen.“ Und: „Hab mein’ Wagen vollgeladen/ Voll mit alten Weibsen./ Als wir in die Stadt reinkamen/ Hub’n sie an zu keifen.“ Meine Mutter wurde 95. Und hatte längst die Perspektive auf die erwünschten Wagenladungen ins Städtchen gewechselt.

Ich könnte auf die USA ausweichen, wo der Altweibersommer „Indian Summer“ heißt, aber politisch korrekt wäre das auch nicht. Denn die Indianer sind ja als Inder nur ein navigatorischer Irrtum. Es müsste korrekt „Summer of the Native Americans“ und in Kanada, wo der Sommer genauso prächtig ist, „Summer of the First Nations“ heißen. Da lob ich mir doch Frankreich! Da heißt der Altweibersommer Fäden der Jungfrau, „Fils de la vierge“. Und damit wäre die Heilige Jungfrau gemeint, weshalb in Bayern früher der Altweibersommer„Frauensommer“ hieß und seine Fäden „Mariengarn“ genannt wurden.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost