Karaseks Woche

Die DNA Gottes

Über die Odyssee eines Körperschnipsels

Es gibt den unfrommen Witz, in dem ein Archäologe zum Papst kommt und sagt, er habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute Nachricht: Man habe das Grab Christi gefunden. Die schlechte: ER lag noch drin. Kern dieser Geschichte ist, dass Jesus ja mit allen seinen Körperteilen und Gebeinen leiblich in den Himmel gefahren ist. Die Gottesmutter Maria ist ihm später ebenfalls dahin gefolgt. Ihre leibliche Aufnahme im Himmel datiert auf das 13. Jahrhundert.

Dass dies so ist, hat zu größeren Problemen in der Reliquienverehrung geführt. Während man genau weiß, dass die Heiligen Drei Könige im Kölner Dom begraben sind, blieb den frommen Christen nur das Kreuz, das die Heilige Helena bei ihrem Besuch in Jerusalem um das Jahr 326 vorgefunden haben will, und von dem es inzwischen so viele Holzteile und Nägel als verehrte Reliquien in aller Welt gibt, dass man damit eine Schlosserei und eine Möbeltischlerei ausstatten könnte. Nun wissen wir aus den Evangelien, dass Jesus quasi vom Heiligen Geist, also von Gott gezeugt wurde, dass Josef darob Maria verlassen wollte, weil er ihr noch nicht beigewohnt hatte, sie war ja Jungfrau, und ein Engel ihn träumen ließ, wer der wahre Vater sei und dass er dazu stehen sollte, was der fromme Mann dann auch tat. Die Beschneidung verbürgt Lukas (2.21): „Und da acht Tage um waren, dass das Kind beschnitten wurde, da ward sein Name Jesus.“ Jesus wurde also sowohl beschnitten als auch, viel später, von Johannes dem Täufer sozusagen vorchristlich getauft.

Und nun kommt es. Denn offensichtlich hat Jesus doch etwas auf Erden zurückgelassen: Das Partikelchen der Beschneidung, das Sanctum Praeputium, die Heilige Vorhaut. Karl der Große soll sie am 25. Dezember bei seiner Kaiserkrönung im Jahr 800 Papst Leo III. geschenkt haben. Sie war, seltsamerweise, nicht verscharrt, sondern soll in Olivenöl eingelegt worden sein. 1527 der Legende nach von einem deutschen Söldner gestohlen, 1584 wurde sie in seiner Gefängniszelle aufgefunden und von Papst Sixtus V. in einer Ablasskirche in Calcata für fromme Pilger aufbewahrt.

Und nun kommt der Zusammenprall der kindlichen Frömmigkeit mit der modernen Genforschung. Denn da das heilige Partikel inzwischen wieder verschwunden ist, 1983 wurde es unter ungeklärten Umständen gestohlen, kommt jetzt die wilde Theorie auf, dass der Vatikan den Diebstahl heimlich angeordnet habe. Er wollte verhindern, dass man die DNA vom Heiligen Geist, respektive Gottvater entschlüsseln und somit das größte Welträtsel lösen könnte.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost