Karaseks Woche

Eins zu Seven

Realität, Wunder oder Traumkulisse

Am Morgen danach, nach jenem denkwürdigen Dienstag, den 8. Juli, am Mittwoch, den 9., kursierte folgende gutmütig hämische Geschichte: Trifft sich eine Gruppe orange-bekleideter Holländer mit schwarz-rot-gold-wangigen Deutschen in einem Supermarkt. Sagen die Deutschen: „Na, was habt ihr vor, heute Abend?“ Die Holländer antworten: „Wir spielen gegen Argentinien!“ Darauf die Deutschen mit spöttischem Überlegenheitsgefühl: „Die treffen wir auch. Aber erst am Sonntag!“

Ach, was war ich in all meiner Siegesfreude traurig, dass sich dieser Eintagsfliegen-Witz nicht bis zum nächsten Morgen halten würde. Traurig, da ich zu jener Menschengruppe gehöre, die ihre Großmutter gern für eine gute Pointe verkaufen.

Es war der Mittwoch, an dem die hochseriöse „Frankfurter Allgemeine“ in ihrem Leitartikel die Sternstunde in Belo Horizonte und das 7:1-Halbfinale mit der Mondlandung gleichsetzte: Wo warst du, als die Amis auf dem Mond landeten, und wo, werden dich deine Kinder und Kindeskinder später fragen, als die Deutschen, also wir, Brasilien entthronten, so haushoch, dass die BBC ihre Schlagzeile „Brasilien-Germany 1:7“ dadurch glaubhaft machte, dass sie unter die 7 ein „seven“ schrieb.

Die Mondlandung ist ein guter Vergleich. Und dass wir am Sonntag gegen den Halbfinalsieger über den Rivalen Holland, also Argentinien, spielen würden war da, noch gute zwölf Stunden vor Mittwochnacht, ein arroganter Wunschtraum.

Die Mondlandung gilt ja bei hartnäckigen Gegnern der Weltmacht Amerika in der Legende als Hollywood-Fake. Die Amis auf dem Mond? Niemals! Und vielleicht wird eines Tages das Spiel am Dienstag, als in der 23. Minute das zweite Tor geschossen wurde, zwei in der 25. und noch eines in der 29. und es 5:0 stand, auch als Fake aus dem Potemkinschen Filmdorf Babelsberg und Mainz entlarvt.

Für die deutschen Zuschauer eben mal als Traumkulisse von Sönke Wortmann vor die Wirklichkeit geschoben. Wer in diesen Minuten auf dem Klo war, musste an ein Wunder glauben.

Am Abend sah ich mit roten Augen bis kurz vor Eins, wie nach einem ziemlich ängstlich trostlosen Spiel erst das Elfmeterschießen für Argentinien als „unseren“ Endspielgegner entschied. Und da dachte ich: Jetzt kann ich den Witz doch noch erzählen. Zumindest bis heute, bis Sonntagabend.

Und danach hoffentlich auch bis zur Marslandung.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost