Gutachten

Das Dach des Hauptbahnhofes bleibt zu kurz

Bahn beziffert die Kosten für die Umsetzung des Gerkan-Plans auf 147 Millionen Euro. Bundesregierung will Geld nicht bereitstellen

Das Dach des Berliner Hauptbahnhofes wird nicht verlängert, um den kompletten Bahnsteig zu überspannen. Eine nachträgliche Verlängerung ist zwar technisch möglich. Aber ein solches Projekt sei „nicht nur unwirtschaftlich, sondern auch verkehrlich nicht zu verantworten“, lautet das Fazit in einem Gutachten, das die Bahn-Tochter DB Netz erstellt hat. Die Berliner Ost-West-Bahntrasse für den Fern-, Regional- und S-Bahnverkehr müsste neun Monate komplett gesperrt werden, so die Gutachter.

Um die notwendigen 22 Streben anzubringen, die die Glaselemente halten, wären zudem für zwei Mal 18 Wochen je ein Fernbahn- und S-Bahngleis blockiert. Die S-Bahn könnte zwischen Friedrichstraße und Bellevue nur noch im 20-Minuten-Takt verkehren. Für die Bauzeit müssten westlich des Bahnhofes Straßen gesperrt werden, auch die geplante Straßenbahn könnte dann nicht fahren.

Die Kosten werden im Vergleich zu früheren Gutachten erheblich höher geschätzt. Die reine Verlängerung des Dachs um die gegenüber dem ursprünglichen Entwurf des Architekten Meinhard von Gerkan fehlenden 130 Meter würde der Bahn zufolge 82 Millionen Euro kosten. Dazu summieren sich nach den Kalkulationen der Gutachter weitere 55 Millionen „betrieblicher Folgekosten“ sowie zehn Millionen Euro Einnahmeverluste. Insgesamt würde es demnach 147 Millionen Euro kosten, das Dach von derzeit 320 auf 450 Meter zu verlängern.

2008 hatte ein Gutachten noch von 53 Millionen Euro gesprochen. Die erhöhten Kosten begründen die Gutachter auch mit neuen europäischen Normen für Gebäude, die Schnee und Windlasten standhalten müssen. Außerdem stünden im Zuge der Neubauten rund um den Bahnhof bisher vorhandene Flächen zur Einrichtung der Baustelle nicht mehr zur Verfügung. Weiter haben die Gutachter allein fast 19 Millionen für unerwartete Schwierigkeiten bei Planung und Bau eingeplant.

Mit dieser neuen Kostenrechnung dürfte die Debatte, den Entwurf von Gerkan doch noch umzusetzen, beendet sein. Im Bundesverkehrsministerium verspürt man wenig Neigung, angesichts dringender Investitionsnotwendigkeiten an anderen Orten so viel Geld für eine Schönheitsoperation am Hauptbahnhof auszugeben. Dass der Bundestag der Bahn den Aufwand aus zusätzlichen Steuergeldern aus dem Haushalt ersetzen will, ist ebenso unwahrscheinlich.

Zumal die Bahn selbst eine mögliche Verlängerung in die ferne Zukunft verschiebt. Gelder, die die DB Netz für die beiden Jahre 2015/2016 bereits angemeldet hat, könnten laut Gutachten nicht genutzt werden. Mit allen planerischen Vorläufen könnten die Arbeiten am Dach nicht vor 2021 umgesetzt werden.

Als der Berliner Hauptbahnhof unter der Regie des damaligen Bahn-Chefs Hartmut Mehdorn pünktlich zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 eröffnet werden musste, wurde auf Druck Mehdorns darauf verzichtet, das Dach nach den Plänen Gerkans zu bauen. Passagiere vor allem der ersten Klasse müssen deshalb oft im Regen stehen, weil ihre Wagen meist vorne im Zug fahren und die meisten Züge von Berlin aus Richtung Westen starten. Die elf nicht verbauten Dachelemente lagern seitdem in einem Depot in der Nähe des Ostbahnhofes.

Vor einem Jahr hatte es zuletzt Diskussionen um das Dach des Hauptbahnhofes gegeben. Im Mai 2013 hatte Bahn-Chef Rüdiger Grube zugesagt, die Machbarkeit der Verlängerung noch einmal zu prüfen und für den Herbst ein Ergebnis angekündigt. Das Resultat ist nun mit Verzögerung an den Haushaltsausschuss des Bundestags übermittelt worden.