Volksentscheid

Erhalten wir den Weitblick

Ulli Kulke plädiert dafür, beim Volksentscheid für „100 % Tempelhofer Feld“ zu stimmen

Der Fernsehturm, klar, aber auch der Dom, Rathaus Schöneberg, Kirchtürme, Minarette, ein Horizont voller Stadtgeschichte, ringsum, vom Flugfeld Tempelhof aus. Berlin, die Metropole mit dem weitesten Gesichtskreis.

Ein Luxus? Natürlich. Ein Reichtum der Stadt, Geschenk ihrer Historie, in der der Flughafen eine so große Rolle spielte. Ein Flughafen ist Horizont, weltoffener Blick. Im Zentrum den Sonnenaufgang in voller Breite erleben oder die Ästhetik der Leere, das Getriebe der Zwanzigtausend oder die Einsamkeit auf weiter Flur – alles funktioniert, gleichzeitig. Im Winter dann sieben Kilometer Skilanglauf. Wer hier war, kommt wieder. Alle Schichten, alle Milieus, jede Sprache. „Hier ist des Volkes wahrer Himmel, hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“ – es ist, als hätte Goethe seinen Osterspaziergang in Tempelhof geschrieben. Berlin hat das Flugfeld in sein Herz geschlossen.

Doch es war absehbar. Wer freie Sicht als Raum zum Verplanen, Verschachteln, Verstellen ansieht, wird ebenso angezogen. Es gab wilde Pläne. Bergriesen, Windparks, Seen, Gartenausstellungen. Jetzt will der Senat ran. Und als Erstes den Horizont einreißen. Mit einem Ring aus Gewerbe- und Wohnhäusern, bis zu zehn Stockwerken hoch, auch eine Riesenbibliothek, und in der Mitte endlich alles aufräumen, als Fortsetzung zur Hasenheide. Politiker wollen gestalten. Geplagt vom ewigen, nur noch lästigen Pleiteprojekt namens BER, von dem man sich innerlich längst verabschiedet hat. Was passt da besser, als das nächste Mammutvorhaben zu beginnen, mit einer halben Milliarde an Steuergeldern? Wir sind groß, wir packen es an. Wo? Natürlich in Tempelhof. Da ist viel Platz. So einfach ist das. Und wohlfeil.

In einer Stadt wie München ist die Wohnungsnot dreimal größer. Der Englische Garten dort ist genauso groß wie das Tempelhofer Feld und wird nicht stärker besucht. Dasselbe gilt für New York und den Central Park. Hat jemand in den beiden Städten die Idee, ein Drittel dieser beliebten Flächen mit Häusern zuzustellen? Nur weil Platz ist?

Der Senat trickst. Er suggeriert, der Volksentscheid bedeute Endgültigkeit: Nie mehr dürfe man einen Grashalm krümmen. Dabei wäre gerade die Bebauung das Unumkehrbare. Das Gesetz der Bürgerinitiative, wenn es am Sonntag durchkommt, kann jederzeit angepasst, auch gekippt werden. Es lässt uns jetzt aber erst einmal innehalten und bewahrt uns vor Schnellschüssen, die unwürdig wären für dieses geschichtsträchtige Gelände.

Keine Finte ist zu billig. Der Senat bietet seine Option als „Gesetz zum Erhalt der Freifläche des Tempelhofer Feldes“ an, und nicht ehrlicherweise „…zur Randbebauung“. Seine Sprecherin behauptet, man dürfe laut BI-Vorschlag nicht mal „den Biergarten renovieren“, ähnlich ist es vor dem geschlossenen Ausschank plakatiert. Dabei wären laut BI-Gesetzentwurf Renovierungen ausdrücklich genehmigungsfrei. Neue Toilettenhäuschen übrigens auch, Herr Saleh!

Das Argument mit den zweitausend billigen Wohnungen ist kaum haltbarer. Insgesamt sind in den nächsten zehn Jahren in Berlin 120.000 Wohnungen geplant. Heute schon weist der Senat Baugebiete für 43.000 Wohnungen aus, meist bereits erschlossen – im Gegensatz zum Flugfeld, und alle Berliner wissen aus Erfahrung, dass die Finanzplanung für dessen Neuerschließung von 400 Millionen Euro morgen schon verdoppelt sein kann. Die Kalkulation für die Bibliothek hat der Rechnungshof bereits zerrissen. Die moderaten Mieten werden nicht zu realisieren sein. Oder der Steuerzahler wird, mal wieder, gebeutelt.

Bauvorhaben können auch anderswo auf Ablehnung stoßen. Doch das Tempelhofer Feld ist ein Erbe für alle Berliner, nicht nur für einen Kiez. Deshalb der Volksentscheid. Auch der Restpark, eines Drittels beraubt, wäre noch groß. Doch seine Einzigartigkeit, sein Horizont wären weg.

Die Wohnungsnot kann durch gute Planung angegangen werden. An das Tempelhofer Feld muss deshalb nicht Hand angelegt werden.

Nein zur Bebauung: Frage 1 Ja, Frage 2 Nein