Volksentscheid

Berlin braucht neue Wohnungen

Christine Richter plädiert dafür, die Chance zur Gestaltung der Stadt zu nutzen

Es war das Jahr 1985, als ich nach Berlin, nach West-Berlin gekommen bin. Vor fast 30 Jahren also, damals als Studentin. Die Wohnungsnot war groß, bei Besichtigungsterminen für neu zu vermietende Wohnungen drängten sich hundert und mehr Menschen, es wurden kleine, dunkle Löcher angeboten, Abstandszahlungen von 3000 D-Mark und mehr waren die Regel. Wir fanden schließlich eine 2,5-Zimmer-Wohnung – ein Raum war ein Durchgangszimmer – in Moabit, Wittstocker Straße, erster Hinterhof, dritter Stock, Kohleheizung. Besser als nichts. Vier Jahre später gewann die Berliner SPD mit dem Thema Wohnungsnot die Wahl.

So schlimm wie damals ist es in Berlin heute nicht. Glücklicherweise nicht. Noch nicht. Aber wenn man mit Studenten spricht, mit Menschen, die nach Berlin kommen wollen, mit Familien, die eine größere Wohnung suchen, oder auch mit Immobilienbesitzern, wird klar, dass es noch sehr viel schlimmer kommen kann. Es gibt zu wenig Studentenwohnheime, es fehlen kleine, bezahlbare Wohnungen, in der Innenstadt finden sozial Schwächere oder Eltern mit zwei Kindern kaum noch eine günstige Altbauwohung.

Was das alles mit dem Tempelhofer Feld zu tun hat? Sehr viel. Der Senat, das muss man rückblickend sagen, hat zu spät darauf reagiert, dass Berlin seit einigen Jahren wieder attraktiv geworden ist, dass viele Menschen hier leben wollen. Jahrelang wurden keine neuen Wohnungen gebaut, nun muss dringend gehandelt werden. Im Interesse der Berliner.

Viele Menschen sagen, das Tempelhofer Feld müsse frei bleiben, weil es einzigartig sei. Viele sagen, man könne doch an anderer Stelle, in Zehlendorf, am Gleispark oder in der Gropiusstadt bauen. Viele sagen, sie vertrauten dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) nicht mehr. Viele lehnen die von Wowereit gewünschte Zentral- und Landesbibliothek ab. Viele sagen, der Senat könne ja keine Großprojekte, und verweisen auf das Desaster beim Flughafen BER.

Ich verstehe diese Argumente, aber beim heutigen Volksentscheid geht es nicht um Wowereit, nicht um ein Großprojekt, noch nicht einmal um die Landesbibliothek. Es geht um die Grundsatzfrage, wie gestalten wir eine Stadt. Wie reagieren wir auf die Veränderungen in Berlin? Wie gehen wir mit den Menschen um, die in unsere Stadt kommen wollen? Ich erwarte von den politisch Verantwortlichen, dass sie die Stadt gestalten, dass sie – wie der Name sagt – Verantwortung übernehmen. Dass sie Lösungen für die rund 20.000 Menschen finden, die jedes Jahr neu nach Berlin kommen. Wie für mich im Jahr 1985.

Und was macht der Senat? Er will an den Rändern des Tempelhofer Felds bauen – an der Autobahn, am Tempelhofer Damm, an der Oderstraße. Gewerberäume dort, wo es laut ist, Wohnungen in der zweiten Reihe. Das große Tempelhofer Feld – 230 Hektar – soll frei bleiben. Sicherlich wird sich der Blick von der Neuköllner Seite oder vom Tempelhofer Damm aus verändern, wenn dort Häuser stehen – aber das war’s auch schon. Die Weite bleibt erhalten, der Platz zum Skaten, Kite-Surfen und Fahrradfahren auch. Aber es wird rund 4200 neue Wohnungen geben. Mehr noch: An der Oderstraße entsteht sogar die Chance, ein autofreies Wohnviertel zu schaffen. Denn auch das muss man wissen: Wir stimmen zwar über einen Masterplan ab, aber es ist eben auch nur ein Masterplan und nicht mehr. Natürlich sind da Veränderungen möglich, sicherlich müssen an der Oderstraße keine Zehngeschosser entstehen, es können auch weniger Stockwerke werden. Und wahrscheinlich wird der Senat auf eine Landesbibliothek verzichten, wenn schon heute klar ist, dass die teurer als 270 Millionen Euro wird.

Berlin hat am heutigen Sonntag eine Chance: Verantwortung zu übernehmen für all die Menschen, die in der Innenstadt wohnen wollen, und für die, die neu in die Stadt kommen. Wir haben die Chance, die Stadt zu gestalten.

Ja zur Bebauung: Frage 1 Nein, Frage 2 Ja