Fernsehen

Die Entdeckung der Langsamkeit

Aus Norwegen stammen viele nützliche und gute Dinge: Die Büroklammer zum Beispiel wurde dort erfunden, ebenso der Käsehobel und der Pfandautomat.

Die Norweger leiden also nicht unter Ideenlosigkeit – wie bei einer Radiostation des Landes nun ein weiteres Mal offenbar wurde: Stundenlang hat ein Sender namens SolørRadioen jetzt nämlich in einer Live-Sendung von einer verlassenen Sperrmüll-Toilette auf einer Wiese berichtet.

Auch wenn dies komisch klingen mag, hat es einen besonderen Grund. Mit der Show wollten die Hörfunkmacher nämlich das in Norwegen beliebte und entschleunigte „Slow TV“ aufs Korn nehmen: Zur besten Sendezeit zeigt das öffentlich-rechtliche Fernsehen in dem Fjordland nämlich schon mal sieben Stunden lang, wie ein Zug durch die Gegend tuckert, oder zwölf Stunden Kaminfeuer – und mehr als ein Fünftel der Norweger sieht begeistert zu. In Deutschland ist das bekanntermaßen anders: Sendungen wie „Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands“, bei denen die Kamera aus dem Führerstand des Zuges hinaus den Weg durch die Landschaft abfilmt, gelten hier als Füllprogramm und werden in den späten Nachtstunden versendet. Das gleiche Schicksal teilt die Kunstfigur „Bernd das Brot“, die nachts im Kika mit seinen kurzen Ärmchen über den Bildschirm turnt.

In Norwegen war der Gipfel des Trends hingegen eine 134 Stunden dauernde Übertragung einer Schiffsfahrt entlang der Hurtigruten. So lange schafften es die Klo-Beobachter vom SolørRadioen allerdings nicht: Das abgeschraubte weiße Emaille-Klo mit kaputtem Deckel, das irgendjemand vor dem Rathaus in Flisa nordöstlich von Oslo abgeladen hatte, wurde nach dreieinhalb Stunden Sendung dann doch entfernt. Zuvor hatte es sechs Tage lang unbeachtet dort gestanden, wie ein Redakteur berichtete. Die dreieinhalb Stunden überbrückte das Radio mit einem Wettspiel zum Thema: „Wie lange glauben Sie, wird die Toilette da noch stehen?“ Dazwischen ertönte eine Toilettenspülung, die aber nicht von dem Sperrmüllstück stammte. Die Gewinnerin hat am Ende eine brandneue Toilette bekommen.