Sozialpolitik

Jedes dritte Berliner Kind lebt von Hartz IV

Mitte, Neukölln und Marzahn-Hellersdorf sind besonders betroffen. Alleinerziehende brauchen häufig staatliche Unterstützung

Trotz anhaltenden Wirtschaftswachstums und sinkender Arbeitslosigkeit ist die Zahl der Kinder, die in Berlin von staatlicher Unterstützung leben, im letzten Jahr gestiegen. So lebten laut Bundesagentur für Arbeit im Dezember vergangenen Jahres 169.016 Kinder in der Hauptstadt in Familien, deren Eltern Arbeitslosengeld II (Hartz IV) bezogen. Das waren etwa tausend mehr als Ende 2012. Sozialhilfe erhielten Ende 2013 die Eltern von rund 2000 Minderjährigen. Damit wächst etwa jedes dritte Kind in Berlin in einer Familie auf, die den Lebensunterhalt nicht aus eigener Kraft bestreiten kann.

Der Anteil der armen Kinder ist in den vergangenen fünf Jahren berlinweit etwa gleich hoch geblieben. Die Verteilung auf die Bezirke ist aber sehr unterschiedlich. So lebte Ende 2012 in Mitte etwa jedes zweite Kind in einer Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaft. Es folgten Neukölln mit ebenfalls fast 50 Prozent, Marzahn-Hellersdorf (41 Prozent) und Friedrichshain-Kreuzberg (40 Prozent). Am niedrigsten war der Anteil in Charlottenburg-Wilmersdorf (22 Prozent) und in Steglitz-Zehlendorf (13 Prozent). Daten für Ende 2013 liegen noch nicht vor.

Den Angaben der Arbeitsagentur zufolge sind besonders Familien mit jungen Kindern betroffen. So sind die Eltern von mehr als 83.000 unter Siebenjährigen auf staatliche Unterstützung angewiesen. Bei den Acht- bis 13-Jährigen gibt es fast 54.000 Betroffene, in der Gruppe der 14- bis 17-Jährigen sind es rund 31.500 Kinder. Auffallend hoch ist mit etwa 45 Prozent der Anteil der armen Kinder, die bei Alleinerziehenden aufwachsen. In etwa jeder zweiten Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaft mit einem oder mehreren Kindern hat mindestens ein Elternteil eine nichtdeutsche Staatsangehörigkeit.

Die jugendpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Katrin Möller, auf deren parlamentarische Anfrage hin der Senat die Statistik der Arbeitsagentur veröffentlichte, nannte die Zahlen „dramatisch“. Die Kinderarmut sei das „größte Problem der Stadt“, sagte Möller. Vor allem Alleinerziehenden und Familien mit Migrationshintergrund müsse der Staat helfen. Der Senat habe an dieser Stelle aber versagt, so die Linken-Politikerin. „Vor allem in den Bezirken, in denen die Armut am schlimmsten ist, fehlt es an allen Ecken und Enden“, sagte Möller und verwies auf fehlende Kitaplätze und zu wenige Jugendfreizeitstätten. Der Sprecher der Landesarmutskonferenz – einem Zusammenschluss von 60 sozialen Organisationen –, Hermann Pfahler, vermutet, dass zusätzlich zu den Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften viele Eltern mit ihrem Einkommen nur knapp über dem Sozialhilfesatz liegen. Der Anteil der Kinder, die in Armut aufwüchsen, läge berlinweit daher vermutlich bei nahezu 40 Prozent. „Das ist ein Skandal angesichts vollmundiger Beteuerungen und Versprechungen der verantwortlichen Politiker zur Bekämpfung von Kinderarmut und der Unterstützung von armen Familien“, sagte Pfahler.

Berlins Sozialsenator Mario Czaja (CDU) sagte, zentrale Schlüssel zur Bekämpfung von Armut seien Bildung und Arbeit. Der Senat gehe „mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen – vom Kitabesuch über eine gute Schulbildung bis hin zu Erwerbsmöglichkeiten für die Eltern“ gegen Kinderarmut vor. „Erfreulicherweise sind wir hier auf einem guten Weg und verbessern schon jetzt die gesellschaftlichen, gesundheitlichen und kulturellen Teilhabechancen von Kindern.“ Eine Arbeitsgruppe erarbeite zudem Leitlinien, mit denen die Kinderarmut bekämpft und die Chancen von Kindern auf bessere Teilhabe verbessert werden sollen, sagte Czaja.