Konflikt

Rebellen führen deutsche Geiseln vor

In der Ukraine präsentieren prorussische Separatisten die festgesetzten Bundeswehrsoldaten

Die kremltreuen Separatisten im Osten der Ukraine haben ihre acht Geiseln, darunter vier Deutsche, am Sonntag der Weltpresse regelrecht wie Trophäen vorgeführt. Der Chef der festgehaltenen Militärbeobachter, der deutsche Oberst Axel Schneider, versicherte in Anwesenheit von mit Maschinenpistolen bewaffneten Aufpassern, alle Gefangenen seien gesund und würden gut behandelt. „Wir sind keine Kriegsgefangenen, wir sind Gäste von Bürgermeister Ponomarjow“, erklärte er.

Ob er dies freiwillig tat, und ob dies überhaupt stimmt, war nicht festzustellen. Zugleich räumte der niedergeschlagen und angespannt wirkende Offizier ein, keinerlei Informationen über die weiteren Pläne der Separatisten zu haben. Am frühen Abend wurde jedoch überraschend ein Gefangener aus Schweden freigelassen. Er leide unter Diabetes, sagte eine Sprecherin der Aktivisten in Slawjansk, nannte jedoch keine Einzelheiten.

In einem karierten Hemd und ohne Uniform äußerte sich Oberst Schneider bei der Medieninszenierung am Nachmittag auf Fragen von Journalisten zur Lage der Gefangenen insgesamt zurückhaltend. „Wir wünschen uns aus tiefstem Herzen, schnellstmöglich in unsere Länder zurückkehren zu können“, sagte der Oberst, sie seien keine Kämpfer, sondern „Diplomaten in Uniform“. Der selbst ernannte Bürgermeister und Rebellenchef Wjatscheslaw Ponomarjow saß ebenfalls auf dem Podium. Er will die Geiseln nur im Austausch mit inhaftierten Rebellen freilassen, das hatte er bereits am Vortag betont. Die Separatisten verdächtigen Mitglieder des Teams als Nato-Spione.

Es habe keine körperlichen Misshandlungen durch die Rebellen gegeben, versicherte Schneider. Zudem sei den Gefangenen eine Sicherheitsgarantie ausgesprochen worden. Das Team sei zunächst in einem Keller untergebracht gewesen, seit Sonnabend dann in einem Aufenthaltsraum mit Tageslicht, Heizung und Klimaanlage. Russische Internetportale übertrugen Teile der Pressekonferenz direkt.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) nannte die öffentliche Zurschaustellung der Beobachter als Gefangene „abstoßend“. Dies verletze „in eklatanter Weise die Würde der Betroffenen“, sagte Steinmeier nach einer vom Auswärtigen Amt verbreiteten Mitteilung. Dies sei ein „Verstoß gegen jede Regel des Umgangs und alle Standards, die gerade für spannungsgeladene Situationen wie diese gemacht sind“. Auch Bundespräsident Joachim Gauck kritisierte die Separatisten scharf und warf Russland vor, sie zu unterstützen.

Die Geiselnahme verschärfte am Sonntag die Spannungen zwischen dem Westen und Moskau. Die sieben führenden Industriestaaten beschlossen, die Sanktionen gegen Russland zu verschärfen. Neue Strafmaßnahmen könnten am Montag verkündet werden. US-Präsident Barack Obama forderte die westlichen Staaten auf, dabei geschlossen vorzugehen. „Wir sind in einer stärkeren Position Herrn Putin abzuschrecken, wenn er sieht, dass die Welt geeint ist.“ Obama warf dem russischen Präsidenten vor, „keinen Finger gerührt“ zu haben, um die Lage zu entspannen. Der ukrainische Regierungschef Arseni Jazenjuk beschuldigte Russland, einen Krieg provozieren zu wollen. Die russische Luftwaffe sei an einem Tag siebenmal in den Luftraum der Ukraine eingedrungen.

Die entführte Gruppe in Slawjansk besteht nach der Freilassung des Schweden noch aus drei deutschen Soldaten, einem deutschen Dolmetscher sowie einem Dänen, einem Polen und einem Tschechen. Außerdem sind einige Ukrainer in der Gewalt der Geiselnehmer.

Nach Angaben des Vizechefs des Krisenpräventionszentrums der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Claus Neukirch, sind die Geiseln – anders als zunächst angenommen – keine Mitglieder der diplomatischen OSZE-Beobachtermission, zu der aktuell rund 140 Mitglieder zählen. Es handele sich vielmehr um eine Mission unter Leitung der Bundeswehr, die auf Einladung Kiews unterwegs sei. Die Inspektion hat demnach nicht das breite Mandat einer OSZE-Mission, sondern wurde allein unter den Staaten selbst vereinbart. Das Verteidigungsministerium in Berlin präzisierte, dass die Entsendung der Soldaten in die Ukraine jedoch mit der OSZE abgestimmt sei. Ein Team von OSZE-Unterhändlern traf am Sonntagnachmittag in Slawjansk ein, um über die Freilassung der Geiseln zu verhandeln.

Die Stadt ist seit Wochen in der Gewalt bewaffneter kremltreuer Gruppen. Am Sonntag besetzten Milizen auch den Sitz des Regionalfernsehens in Donezk. Dutzende Kämpfer mit Tarnuniformen und Baseballschlägern blockierten den Zugang.