Karaseks Woche

„Mir gebbet nix“

Über die Abgründe der schwäbischen Tugenden

Ausgerechnet in Baden-Baden nach einer Lesung erreichte mich die Nachricht, dass der Stuttgarter Ex-Kommissar Bienzle zum Pflegefall geworden ist. Das traf mich besonders, weil ich auf einmal dachte: Bist du schon so alt, dass dein junger, quirliger Assistent aus deiner Dramaturgenzeit zum Pflegefall wird?

Die Nachricht schlug auch aus anderen Gründen wie eine Bombe ein. Denn Bienzle, mit bürgerlichem Namen Dietz-Werner Steck spielte einen mürrischen Kommissar, der alle schwäbischen Tugenden und Untugenden sein Eigen nannte.

Und so war in Baden-Baden das Gespräch schnell bei den schwäbischen Nachbarn. Genüsslich erzählten wir uns von den schwäbischen Eigenschaften, zum Beispiel von Frau Merkel, die sich die schwäbische Hausfrau mit ihrer Sparsamkeit eine Zeit lang zum Vorbild genommen hatte. Inzwischen hat sie leider die viel zu weiten Spendierhosen ihres Vizekanzlers Gabriel angezogen und schmeißt, wie man in Schwaben sagt, „des Geld zum Fenster ’naus“, und zwar mit „boide Händ“.

Der Schwabe, hat Nietzsche gesagt, hat den Deutschen erfunden, aber gleich übertrieben. Schnell waren wir bei der Geschichte von dem Schwaben, der in der Schweiz in eine Gletscherspalte fällt. Nach zwei Tagen findet ihn die Bergwacht und ruft durchs Megafon in die Schlucht: „Hier ist das Rote Kreuz.“ Darauf antwortet der Schwabe von unten: „Mir gebbet nix.“ Oder die vom schwäbischen Schaffensdrang: Der Großvater ist gestorben, die Familie beratschlagt, auf welche Weise er denn beerdigt werden soll. Nach vielem Hin und Her meldet sich die Großmutter aus der Ecke: „Der Opa wird verbrennt. D’r kommt in die Eieruhr. Der soll schaffe!“

In der Runde erzählte schließlich eine Badenerin genüsslich die wahre Geschichte von einem schwäbischen Ehepaar: Der Mann war mit seiner Frau in die Schweiz zum Bergsteigen gefahren und erzählte der Polizei, seine Frau sei bei einem alpinen Unfall ums Leben gestürzt. Pech nur für ihn: Er hatte für sich eine Hin- und Rückfahrt, aber für seine Frau nur eine Hinfahrt gekauft. So was nennt man Sparen am falschen Fleck.

Die Geschichte passt in diese Woche, denn da war zu lesen, dass eine Frischverheiratete im Yosemite-Park in Kalifornien ihren Gatten noch in den Flitterwochen tückisch von einem Felsen in den Tod gestürzt hatte – eine schwarze Witwe sozusagen noch im weißen Schleier. Da gilt dann wieder mein Lieblingsseufzer: Frauen sind auch nur Männer!

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost