Protest

Demonstranten schreien – Sarrazin schweigt

Berliner Ensemble bricht Buchvorstellung des ehemaligen Finanzsenators ab

Thilo Sarrazin sagte kein Wort. Eine Dreiviertelstunde saß er am Sonntag auf dem Podium im Foyer des Berliner Ensembles (BE) und betrachtete die wütende Menge im Saal. Rund zehn Sarrazin-Gegner hatten sich Karten für die Buchvorstellung des umstrittenen Autors („Der neue Tugendterror“) und ehemaligen Berliner Finanzsenators organisiert und wollten die Veranstaltung verhindern. Sie hielten Plakate hoch und schrien gegen den Applaus der Sarrazin-Fans an („Hau ab“, „Terror-Thilo“). Am Ende siegte die Minderheit. Das Berliner Ensemble brach die Lesung ab, bevor sie begonnen hatte. „Wir beugen uns dem Meinungsterror“, sagte BE-Direktorin Jutta Ferbers.

Die Ereignisse im Berliner Ensemble dürften der gelungenste PR-Coup für Sarrazins neues Buch sein. In „Der neue Tugendterror“ richtet sich Sarrazin gegen eine vermeintlich linksgerichtete Meinungsmacht, die die Themen in den Medien bestimmt und andere – wie seine eigenen – ignoriert. Mit dem erfolgreichen Protest der Störer erhält diese These nun neue Nahrung. Die Demonstranten scherte es nicht, sie feierten ihren Erfolg mit Musik.

In den vergangenen Jahren war Sarrazin besonders wegen islamkritischer Thesen und seinen Ausführungen zur Vererbung von Intelligenz kritisiert worden. Von seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ verkauften sich 1,5 Millionen Exemplare. Das neue Buch startet auch mit guten Zahlen, es belegt beim Online-Versandhändler Amazon Platz 1 in der Rubrik Bücher. Zum Vergleich: Das Buch „Klare Worte“ von Altbundeskanzler Gerhard Schröder belegt nur Rang 651. Auf der Bestseller-Liste des „Spiegel“ stieg Thilo Sarrazin auf Platz 4 in der Kategorie Sachbuch ein.