Kriminalität

Auftragsmord: Haftbefehl gegen Rockerchef

Nach Schüssen in Reinickendorfer Wettbüro stellt sich der Hells-Angels-Anführer der Justiz. Er soll Drahtzieher des Verbrechens sein

Im Kampf gegen die Bandenkriminalität ist der Berliner Polizei am Donnerstag ein wichtiger Schlag gelungen: Fast zwei Wochen nach dem Mord an einem jungen Mann in einem Wettbüro in Reinickendorf wurde ein fünfter Verdächtiger festgenommen. Nach Informationen der Morgenpost soll es sich um den als gewalttätig bekannten Rocker Kadir P. handeln, er soll Drahtzieher des Anschlags gewesen sein. Der Beschuldigte hatte sich am frühen Nachmittag den Behörden auf dem Polizeiabschnitt 36 in der Pankstraße gestellt. Am Abend verkündete ihm ein Richter einen Haftbefehl wegen Anstiftung zum Mord.

Die Jagd auf Kadir P. hatte zuvor jedoch einem Katz-und-Maus-Spiel geglichen. Beteiligt waren Staatsanwaltschaft, Polizei, Rechtsanwalt und der Gesuchte. Seit den Morgenstunden hatten Zielfahnder und Beamte des SEK an der Hochstraße in Gesundbrunnen die Wohnung der Eltern im Visier. Obwohl P. dort nur sporadisch zu Gast gewesen sei, vermuteten die Ermittler, dass P. dort im Laufe des Tages auftauchen würde. Die Beamten wollten den Haftbefehl der Staatsanwaltschaft vollstrecken.

Aus taktischen Gründen gestellt

Schließlich traf völlig unerwartet die Nachricht ein, der gefährliche Rocker-Anführer habe sich gestellt. Der Anführer des mittlerweile verbotenen Hells-Angels-Charters „Berlin City“ war in Anwesenheit seines Rechtsanwalts ins Polizeirevier gekommen. Anschließend wurde er der 3. Mordkommission an der Keithstraße in Tiergarten überstellt. Von dort aus wurde er mit Handschellen in einem Gefangenentransporter zum Amtsgericht Tiergarten gebracht.

Gegen ihn lag zunächst ein Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Mordes vor. Inzwischen steht Kadir P. unter dem dringenden Tatverdacht, der Auftraggeber für den Mord in dem Wettbüro in Reinickendorf gewesen zu sein. Am 10. Januar hatte eine Gruppe von Männern das Wettbüro gestürmt und einen 26-Jährigen erschossen. Am vergangenen Freitag hatte die Polizei bereits zwei Verdächtige und am Dienstag einen dritten Mann verhaftet. Erst am Mittwoch fasste ein Spezialeinsatzkommando einen vierten Verdächtigen im Ortsteil Wedding. Die Haftbefehle, die auf Antrag der Staatsanwaltschaft erlassen wurden, lauteten auf gemeinschaftlichen Mord. Der gleiche Tatvorwurf besteht gegen einen 31-Jährigen, der sich zwei Stunden nach Kadir P. ebenfalls der Polizei gestellt hat. Ihm soll am Freitag ein Haftbefehl verkündet werden.

Die Ermittler vermuten, dass sich Kadir P. aus taktischen Gründen gestellt hat. So könnten seine Rechtsanwälte argumentieren, es bestehe keine Fluchtgefahr, eben weil ihr Mandant schließlich freiwillig zur Polizei gekommen sei. Wie in Rockerkreisen vermutet wird, wollte P. wohl auch der Festnahme durch die Elitepolizisten zuvorkommen. Er hatte einen Zugriff durch das Spezialeinsatzkommando befürchtet. Bereits zu Beginn der Mordermittlungen führten die Spuren sehr schnell ins Rockermilieu und dort direkt zu Kadir P. Der Mann ist für seine Gewalttätigkeit bekannt.

Bei der regelrechten Hinrichtung am 10. Januar wurde der 26 Jahre alte Tahir Ö. im Wettbüro „Expekt“ an der Residenzstraße Ecke Hausotterstraße erschossen. 13 zum Teil vermummte Männer waren gegen 23 Uhr in das Wettbüro gestürmt und töteten Tahir Ö. in einem Hinterzimmer. Das Opfer saß an einem Spielautomaten, hatte offenbar mit einem Attentat gerechnet. Aus Ermittlerkreisen hieß es, es habe eine Schusswaffe und eine schusssichere Weste getragen. Ö. erlag noch am Tatort seinen schweren Verletzungen. Hinter dem Anschlag wird eine Bestrafung als Tatmotiv vermutet. Tahir Ö. soll Mitte Dezember vergangenen Jahres bei einem Streit vor einem Nachtklub einen Türsteher mit einem Messer verletzt haben. Der verletzte Mann gilt als Gefolgsmann des nun verhafteten Rockerchefs Kadir P.