Kriminalgericht

Intensivtäter fährt 19-Jährige tot: Gericht verhängt Bewährungsstrafe

Der Berliner war ohne Führerschein unterwegs. Mildes Urteil für „reumütiges Geständnis“

Für den Unfalltod an einer 19-jährigen Berlinerin ist der Fahrer eines Kleintransporters am Mittwoch vom Kriminalgericht in Moabit verurteilt worden: zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monate. Die Strafe muss der heute 20-Jährige aber nicht antreten – sie wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Der Fall war tragisch: Die 19-jährige Anabell S. wollte in den frühen Morgenstunden des 15. September 2012 nach einer Feier sicher nach Hause kommen. Deswegen beschlossen sie und ihr Begleiter, am Stralauer Platz ein Taxi zu nehmen. Die beiden standen auf einem Fahrradweg zwischen Straße und Gehsteig, als sie von einem Opel-Kleintransporter erfasst wurden. Die Abiturientin wurde gegen einen Mast geschleudert und starb noch am Unfallort. Ihr Begleiter erlitt zahlreiche Prellungen.

Am Steuer des Kleintransporters saß Miriton C., heute 20 Jahre alt. Die Jugendstrafe, die am Mittwoch verhängt wurde, bezog sich nicht nur auf fahrlässige Tötung, ihm wurden auch noch andere Straftaten vorgeworfen – darunter Raub und gefährliche Körperverletzung. Verurteilt – zu 16 Monaten auf Bewährung – wurde auch der Zwillingsbruder des Hauptangeklagten. Beide müssen 150 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Sie sind mehrfach vorbestraft und gelten als polizeibekannte Intensivtäter.

Egzon C. hatte sich nach dem Unfall bei der Polizei als Unfallfahrer ausgegeben, weil sein Bruder Miriton C. keine Fahrerlaubnis besaß. Sie hätten sich nur um sich selbst und nicht um die Geschädigten gekümmert, kritisierte der Vorsitzende Richter Carsten Wolke am Mittwoch. So habe der im Polizeiabschnitt äußerst aggressiv auftretende Egzon C. zu einem Beamten, der ihm die Folgen des Unfalls vorhielt, gesagt: „Ist mir doch egal, wenn sie auf der Straße laufen.“ Vor Gericht hatte Miriton C. klargestellt, dass er zur Tatzeit hinter dem Lenkrad saß. Angeblich sei er „normal gefahren, nicht gerast“, hieß es in der Erklärung, die sein Verteidiger verlas. Vor einer Ampel habe er anhalten müssen. Ganz links habe ein Mercedes gestanden, auf der mittleren Spur ein Taxi. Beide Fahrzeuge seien bei Grün weitaus schneller losgefahren als er. Und dann sei das Taxi plötzlich nach rechts gezogen, direkt in seine Spur.

Schon zu Prozessbeginn wurden für die Zwillingsbrüder vom Gericht und der Staatsanwaltschaft Bewährungsstrafen in Aussicht gestellt. Voraussetzung für diesen sogenannten Deal seien jedoch „von Reue getragene Geständnisse“. Genau das sah die Kammer nach der ersten Erklärung des Angeklagten Miriton C. als nicht erfüllt. Nach kurzer Beratung zwischen dem Angeklagten und seinem Verteidiger ließ Miriton C. seinen Anwalt erklären, dass er vielleicht doch etwas zu schnell gefahren sei. Dem Gericht reichte das. Der Vorsitzende Richter hob bei der Urteilsbegründung lobend hervor, die Angeklagten hätten „zu einem relativ frühen Zeitpunkt Geständnisse abgelegt“, die von der Kammer auch „als glaubhaft befunden worden“ seien.

Zeugen sagten aus, der Kleintransporter sei mit überhöhter Geschwindigkeit gefahren. Nach den Berechnungen eines Sachverständigen war Miriton C. mit mindestens 62 Stundenkilometern unterwegs. Hätte er die Höchstgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern eingehalten, so der Gutachter, wäre der Unfall zu verhindern gewesen. Die Angehörigen von Anabell S. waren von dem Prozess enttäuscht. Es sei ihnen nicht um Rache oder höhere Strafen gegangen, erklärte deren Anwältin Katja Mueller. Ein von Reue getragenes Geständnis sei für ihre Mandanten jedoch nicht zu erkennen gewesen. Die beiden Angeklagten hätten sich in diesem Prozess nicht ein einziges Mal geäußert, es gebe „keine persönliche Stellungsnahme“.