Statistik

Mehr Gewalt auf Berlins Schulhöfen

Zahl der Vorfälle ist deutlich gestiegen. Vor allem Jungen bedrohen oder beleidigen ihre Mitschüler

Die Berliner Schulen haben im vergangenen Schuljahr deutlich mehr Gewaltvorfälle gemeldet als im Jahr zuvor. Zugenommen hat demnach vor allem die Zahl der Fälle, die dem Gefährdungsgrad I zugeordnet werden. Dazu gehören Beleidigungen, Drohungen und Tätlichkeiten. Die genannten Vorfälle werden zwar als weniger schwerwiegend eingestuft, das Zusammenleben an der Schule beeinträchtigen sie aber stark. In den Jahren 2012/13 sind 1418 solcher Fälle gemeldet worden, 216 mehr als im Schuljahr davor.

Laut der Statistik der Senatsbildungsverwaltung wurden im vergangenen Schuljahr insgesamt 2400 Gewaltvorfälle angezeigt. Etwa jede zweite Schule hat demnach mindestens einen Gewaltvorfall gemeldet. Das geht aus der Beantwortung einer kleinen Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck hervor, die der Berliner Morgenpost vorliegt. Auch die Anzahl der Fälle von schwerer körperlicher Gewalt ist gegenüber dem Vorjahr gestiegen, von 433 auf 443 Fälle.

Etwas gesunken ist hingegen die Zahl der Übergriffe auf Schulpersonal. 2012/13 wurden 439 Übergriffe registriert. Im Jahr davor waren es noch 464. Als Verursacher beziehungsweise Tatverdächtige der gemeldeten Fälle wurden vor allem Jungen (2002) ausgemacht. Mädchen waren indes nur an 326Fällen als Verursacher oder Tatverdächtige beteiligt. In 62 Fällen gibt es keine Angaben zum Geschlecht der Tatverdächtigen.

Der SPD-Abgeordnete Langenbrinck geht davon aus, dass die Dunkelziffer bei Vorfällen wie Beleidigungen, Drohungen und Tätlichkeiten weit höher ist als die Zahl der gemeldeten Fälle. „Die Schulen sind nicht verpflichtet, derartige Vorfälle zu melden. Deshalb werden viele es auch nicht tun“, sagt er. Der SPD-Politiker warnt davor, die Gewalt unterschiedlicher Ausprägungen in den Schulen zu tabuisieren. „Unsere Schüler müssen ohne Angst in die Schule gehen können. Kommt ein Schüler mit Mobbing durch, ist der Schritt zu körperlichen Übergriffen nicht mehr weit. Drohungen, Beleidigungen und Tätlichkeiten sind keine Kavaliersdelikte, sondern prägen den Schulalltag.“

Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), hält das Meldeverhalten der Schulen hingegen für ein Zeichen, dass Gewalt im Schulalltag nicht tabuisiert wird. „Die Schulen haben Mut zur Transparenz und melden zunehmend Fälle, die sie gar nicht melden müssten“, sagt Stoffers.

Vorfälle des Gefährdungsgrades I, wie Beleidigungen und Tätlichkeiten, sollen entsprechend der Notfallpläne für Berliner Schulen in eigener Verantwortung der Schulen gelöst werden. Sie müssten nicht schriftlich gemeldet werden wie etwa Fälle schwerer körperlicher Gewalt und sexuelle Übergriffe, so die Sprecherin. „Dass die Schulen diese Fälle trotzdem melden, zeigt, wie sehr sie an der Aufarbeitung der Vorkommnisse interessiert sind“, sagt Stoffers. Mit der Meldung dieser Fälle würden Schulleitungen und Lehrer gegenüber den betreffenden Kindern und Jugendlichen sowie deren Eltern ein deutliches Signal setzen. Fast alle Schulen würden zudem Projekte durchführen, in denen es um Strategien für ein gewaltfreies, respektvolles Miteinander geht.

Dagegen kritisiert der SPD-Abgeordnete Langenbrinck, dass die Bildungsverwaltung keine Aussagen dazu mache, wie viele Gewaltvorfälle an Schulen es in den einzelnen Bezirken gegeben habe. Auch eine Aufschlüsselung der betroffenen Schulformen fehle. „Der Senat muss über den Zustand in den Schulen ehrlich informieren, nur dann können wir Prävention und Aufklärung stärken“, sagt er. Laut Stoffers sollen die Angaben im Februar veröffentlicht werden.

Unterdessen haben am Mittwoch nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft 2400 angestellte Lehrer gestreikt. Sie kämpfen für tariflich geregelte Gehälter. Auch am Donnerstag wollen die Lehrer wieder streiken. Während Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) weiter hart bleibt, haben Vertreter der Sozialdemokraten inzwischen Gesprächsbereitschaft signalisiert.