Medizin

Die Zahl der Organspender ist in Berlin drastisch gesunken

Deutschlandweit niedrigster Wert seit 1995. Gesundheitssenator will noch besser informieren

754 Menschen haben in den vergangenen zehn Monaten in Deutschland Organe gespendet. Das sind 15,5Prozent weniger als von Januar bis Oktober 2012, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) am Dienstag bei ihrem Jahreskongress in Berlin mitteilte. Damit sank die Zahl der Spender auf den tiefsten Stand seit den 90er-Jahren. „Diese Situation ist unvertretbar“, sagte DSO-Vorstand Rainer Hess. Die Zahl der gespendeten Organe sank in den ersten zehn Monaten ebenfalls: um 11,8 Prozent von 3001 auf 2647 in diesem Jahr.

11.300 Menschen warten in Deutschland auf ein geeignetes Organ. Den massivsten Einbruch bei den Spendern gab es im August, als deutschlandweit nur 56Menschen Organe spendeten – nach fast 100 im Vorjahresmonat. Im Oktober waren es dann 79 Spender. Die Zahlen sinken seit 2010. Der Einbruch kam allerdings im vergangenen Jahr, als der Skandal um Datenmanipulationen bei der Organvergabe bekannt wurde. Dies habe das gesamte System der Organspende und -transplantation beschädigt und zu einem erheblichen Vertrauensverlust geführt, so die Stiftung.

In Berlin wurden von Januar bis Oktober nur noch 34 Spender registriert. Im Vergleichszeitraum 2012 waren es 44. In Brandenburg sank die Zahl von 28 auf 25. In der Hauptstadt zeichnet sich die niedrigste Zahl seit Jahren ab. Im gesamten vergangenen Jahr spendeten 55 Berliner Organe, 2011 waren es 61 und 2010 immerhin noch 71. Das häufigste in Berlin gespendete Organ ist die Niere, gefolgt von Leber, Herz und Lunge.

Rainer Hess rief dazu auf, die Kriterien bei der Organvergabe zu überdenken. „Das geht sehr stark nach Dringlichkeit.“ Fraglich sei, ob die Erfolgsaussichten genug berücksichtigt würden. Um Probleme und Erfolge besser einschätzen zu können, brauche es ein Transplantationsregister, mit dessen Hilfe die einzelnen Behandlungen verglichen und bewertet werden könnten. Risiken von Empfängern und Spendern sollten aufgelistet werden – dann könne man sagen, wann eine Organvergabe Erfolg versprechend sei. Hess meinte, 2015 könnte nach entsprechenden Gesetzesänderungen ein Register starten. Er warnte vor zu großen Hoffnungen: „Wir werden immer einen Mangel an Organen haben.“

Der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn sagte, gesetzliche Reformschritte seien gemacht – bis hin zur Möglichkeit, Manipulationen einschlägiger Daten zu bestrafen. Nun komme es darauf an, Vertrauen in der Bevölkerung in die Organspende und -vergabe wieder zu stärken. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte, „der Tiefpunkt der Transplantationsmedizin in Deutschland“ sei erreicht. Er fordert einen Transplantationsbeauftragten im Bundestag.

Flyer in türkischer Sprache

Der Berliner Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) erklärte, sowohl auf Bundesebene als auch in Berlin seien verschiedene Maßnahmen für mehr Transparenz und bessere Kontrollen bei der Organspende in die Wege geleitet worden. Darüber hinaus sei gezielte Aufklärung und Information wichtig. Die Senatsgesundheitsverwaltung spricht mit ihrer Informationskampagne jeweils bestimmte Zielgruppen an, in diesem Jahr sind es die türkischsprachigen Berliner. So wurden Flyer türkischsprachigen Stadtmagazinen und Zeitschriften beigelegt und in Moscheen und Kulturzentren verteilt. Bei einem türkischen Radiosender wurde ebenfalls für Organspende geworben. Zuvor gab es eine Kooperation mit dem Landessportbund. „Ich hoffe sehr, dass die Organspende-Bereitschaft durch diese gemeinsamen Anstrengungen wieder steigen wird“, sagte Czaja.

Deutschlandweit verschicken die Krankenkassen derzeit massiv Organspendeausweise und -informationen an die Versicherten. Möglichst viele Menschen sollen sich laut Gesetzgeber entscheiden, ob sie nach ihrem Tod Organe spenden wollen.