Karaseks Woche

Nobles Dilemma

Hellmuth Karasek über den Literatur-Nobelpreis

Jedes Mal, wenn der Literaturnobelpreis verliehen wird, scheiden sich die Geister besonders heftig. So auch dieses Jahr. Als am Donnerstag die kanadische Erzählerin Alice Munro für ihre Kurzgeschichten ausgezeichnet wurde, war ich auf der Buchmesse. Da bekam ich einen Anruf, ob ich etwas zu der Nobelpreisträgerin sagen könnte.

„Leider nein“, erklärte ich wahrheitsgemäß, konnte aber den Anrufer vertrösten. „Fragen Sie meine Frau, die liebt die Munro und ihre Kurzgeschichten seit Jahren sehr und wollte mich immer zum Lesen animieren. Leider bin ich bis jetzt nicht dazu gekommen.“

Ich dagegen ärgerte mich, dass nun schon seit Jahren Philip Roth erfolglos auf der Liste steht, der mein absoluter Favorit ist für alle seine großen Romane. Wieder wurde ich den Verdacht nicht los, dass das Nobelpreis-Komitee in Stockholm mit Vorliebe seine Preise mit der politisch korrekten Gießkanne übers Land verstreut und – seit Bush junior Präsident der Vereinigten Staaten war – alle US-amerikanischen Nobelpreisträger-Kandidaten am ausgestreckten Arm verhungern lässt.

Nun also hat es Roth wieder nicht erwischt, und die „Welt“ brachte mein Dilemma auf den Punkt. Sie zeigte ein Bild von Philip Roth mitten in New York, schrieb drunter: „Glückwunsch zum Literaturnobelpreis“ und schrieb dann im Text: „Die schwedische Akademie, die den mit gut 900.000 Euro dotierten Nobelpreis vergibt, hält an ihrem Brauch, keine US-Amerikaner zu ehren, fest.“ Um dann in das Lob auszubrechen: „Dafür bricht sie mit ihrer Gewohnheit, Mittelmäßigkeit zu preisen. Herzlichen Glückwunsch, Alice Munro!“

Wir haben also, und hier traue ich dem Urteil meiner Frau blind, eine großartige Nobelpreisträgerin – und einen großartigen Nobelpreisträger wieder versäumt. Ein Mann-Frau-Dilemma? Ach was! Ich habe mir die gesamte Liste der Literaturnobelpreisträger von 1901 an wieder angesehen. Der zweite war bereits ein Deutscher, es war der große Historiker Theodor Mommsen, der für sein Monumentalwerk „Römische Geschichte“ ausgezeichnet wurde. Noch einmal wurde ein Geschichtswerk ausgezeichnet. Ausgerechnet der große Kriegspremier Winston Churchill für die Erinnerungen an sein Leben.

Übrigens war der zweite Deutsche Paul Heyse. Und hier schließt sich der Kreis: Er hat seine Auszeichnung wie Munro für Kurzgeschichten bekommen, die früher, laut seiner Theorie, noch „Novellen“ hießen.