Karaseks Woche

Die alten Freunde

Über Abschied und Trauer

Die letzte Woche war besonders schwer. Erich Loest, der große Autor der Leipziger Erhebung, die aus der Nikolai-Kirche über die großen Demonstrationen zum Ende der DDR führte, war in Leipzig begraben worden. Verstorben ist auch Otto Sander, mit dem mich schon allein die Erinnerung an eine Reise der Schaubühne in ihren triumphalen Jahren 1974 nach Helsinki verbindet, bei der wir wehmütig in Cafés beobachteten, wie Bruno Ganz alle bewundernden Blicke hübscher junger Frauen auf sich zog. Und die Frankfurter Beerdigung Marcel Reich-Ranickis, der mich zu seinem Weggefährten im „Literarischen Quartett“ gemacht hatte.

Sich wegduckend denkt man, wenn die eigene Generation sich verabschiedet: Die Einschläge werden dichter und kommen näher. In den Abschiedsschmerz mischt sich ein Gefühl, dass auch mehr und mehr die eigene Sache verhandelt wird. Und man wurde mit großer Trauer gewahr, wie ein großer Freund der Welt nicht auf einmal, sondern in schmerzhaften Schritten abhandengekommen ist. Mit Loest verband mich, dass er mir nach dem Fall der Mauer seine Stasi-Akte für einen „Spiegel“-Bericht zur Verfügung stellte. Er war ein mutiger, kämpferischer, starker Autor, den Bautzen nicht gebrochen hatte.

Man muss mit seiner Erinnerung an die gemeinsamen Erlebnisse auf der Hut sein, dass man nicht dem eitlen Fehler nach dem Muster verfällt: Als ich dem sterbenden Goethe ins Antlitz sah, blickte er mich noch einmal fest an und sagte mit brechendem Auge: „Jetzt bleiben Sie als Einziger von uns beiden übrig, der noch die Last der deutschen Sprache weiterträgt!“ Ja, auch im Abschied sind wir eitel gegenüber nun Wehrlosen.

In der Nacht, auf dem Weg zum Hotel durch das Frankfurter Westend, stand ein Musiker mit seinem Instrument im dunklen Eingang der Feldbergstraße Nr. 28. „Wissen Sie, dass Ihr Bruder Horst hier gewohnt hat?“, fragte er mich. Ich hatte es vergessen. Mit der Schriftstellerin Helga Novak hatte er hier gelebt, zwei Treppen hoch, eine kämpferische Beziehung. Horst war ein wilder, anarchischer Brausekopf, lange krank, Dorfschreiber der Startbahn-West-Besetzer auf dem Schlachtfeld vergangener Kämpfe. Auch mit ihm kann ich nie mehr streiten.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost