Karaseks Woche

Bevor Mainz abgehängt war

Hellmuth Karasek über den Niedergang der Bahn

Jetzt, wo die Deutsche Bahn zum ersten Mal eine Landeshauptstadt de facto vom Streckennetz genommen hat, ausgerechnet das singende, klingende und lachende Mainz, Hort der gickernden Mainzelmännchen, da fallen mir eindeutige Zeichen und Signale ein, die ich selbst erlebt habe und die schon länger auf die Verödung von Mainz als Verkehrsknotenpunkt hindeuteten.

Es war im Dezember 2012, als meine Frau und ich eines Morgens frohgemut am Berliner Hauptbahnhof in einen ICE nach Hamburg einstiegen. Der Zug stand schon auf dem Gleis. Und dass er um die Hälfte seiner Wagenzahl verkürzt war, störte uns nicht. Es war ja strenger Winter, der die Elektronik der Bahn beutelte. Wir saßen also abfahrbereit im Zug, der allerdings schon zehn Minuten über seine Abfahrtzeit stumm dastand, als wir eine Ansage hörten: „Die Abfahrt unseres Zuges wird sich auf unbestimmte Zeit verschieben, da das Zugpersonal noch nicht eingetroffen ist.“ Alle Fahrgäste wirkten konsterniert. Wir wollten eine Erklärung erfragen, aber genau da lag die Krux: Versuchen Sie einmal, ein Personal zu fragen, warum es nicht da ist, wenn es nicht da ist! Es ist wie Mainz, wenn es nicht singt und nicht lacht. Anderthalb Stunden später fuhren wir schließlich doch mit Personal los. Monate später berichtete mir mein Kollege U. W. von einer Lesereise nach Hessen. Er sei in Kassel in einen Regionalzug umgestiegen. Der aber sei dann aber nicht abgefahren, weil der Lokführer geflohen sei. Die Fahrt fiel aus.

Kürzlich fuhr ich von Düsseldorf nach Berlin, was Stunden länger dauerte, weil die Bahn nicht mehr über Wolfsburg fahren konnte. Daran war das Hochwasser schuld. Das versteht man ja. Weniger versteht man, dass ICE-Züge schon vorher öfter (aus Versehen, wie man behauptete) an Wolfsburg vorbeigefahren waren.

Jetzt also hatte ich eine Fahrt von fünf Stunden vor mir. Der Speisewagen war offen. Aber es gab nichts. Kein Wasser, keinen Kaffee, kein Personal. Die Schaffnerin tröstete mich: Der Zug würde in Hamm mit einem anderen Zugteil zusammengeschlossen. Entweder käme dort das Personal, oder ich könnte in den angekoppelten Zugteil umsteigen. Der hätte Personal im Speisewagen. So war es dann auch. Das war aber schon zur Jahreszeit, als Speisewagen in der Regel wegen Hitze und Versagens des Kühlsystems ausfielen.