Urteil

Tod von Jonny K.: Haupttäter muss viereinhalb Jahre in Haft

Gericht verurteilt Onur U. – Schwester des Opfers muss vor Ex-Boxer in Sicherheit gebracht werden

Urteil im Fall Jonny K.: Zehn Monate nach der tödlichen Prügelattacke auf den 20-Jährigen am Alexanderplatz muss der Ex-Boxer Onur U. als Haupttäter viereinhalb Jahre ins Gefängnis. Das Berliner Landgericht verurteilte ihn wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Jugendstrafe. Drei Erwachsene erhielten am Donnerstag Strafen von zwei Jahren und acht Monaten, zwei weitere müssen nach Jugendrecht zwei Jahre und drei Monate in Haft. Die Verteidigung kündigte Revision an.

Der wegen Gewalt vorbestrafte Deutsch-Türke Onur U., 20, war zunächst in die Türkei geflohen, hatte sich dann aber den deutschen Behörden gestellt. Er sitzt in Haft. Die anderen Verurteilten sind davon bis zur Rechtskraft des Urteils verschont. Jonny K. wurde am frühen Morgen des 14. Oktober 2012 nach einem Barbesuch von den sechs Tätern mit Tritten und Schlägen malträtiert. Er starb wenig später an Gehirnblutungen. Die tödliche Attacke auf den Streitschlichter hatte bundesweit Entsetzen und eine Debatte über Jugendgewalt ausgelöst.

Nach der Urteilsbegründung kam es zu einer seltsamen Szene: Onur U. schüttelte sich, drehte seinen Kopf, machte Posen wie ein Boxer vor dem Kampfbeginn. Jonnys Schwester Tina K. und ihre Mutter, die bei der Urteilsverkündung erstmals am Prozess teilgenommen hatte, verließen daraufhin den Gerichtssaal. Ein Verteidiger hatte ihnen dies zuvor nahegelegt.

„Er ist der Haupttäter und Auslöser des tragischen Geschehens“, sagte Richter Helmut Schweckendieck über OnurU. „Aus einer Mischung von Dummheit, Arroganz, Aggressivität und Unverschämtheit“ habe er als trainierter Boxer Jonny einen wuchtigen Fausthieb ins Gesicht versetzt. Das sei für seine Freunde das Signal für die Attacke gegen Jonny K. und dessen Freund gewesen. Der 29 Jahre alte Freund erlitt Brüche im Gesicht. Der Verteidiger von Onur U., Axel Weimann, sagte am Rande des Prozesses, sein Mandant sei fassungslos: Er habe sich nicht vorstellen können, für etwas bestraft zu werden, was er nicht getan habe.

Offen blieb auch nach dem Urteil, ob der ungebremste Sturz oder Schläge und Tritte von einem der anderen Verurteilten gegen den Kopf von Jonny K. zum Tod führten. Onur U., der den Angriff überraschend begonnen habe, muss sich dem Urteil nach auch zurechnen lassen, dass seine fünf Freunde zuschlugen. Laut Richter Schweckendieck sind neben Onur U. auch die anderen fünf Täter verantwortlich für den Tod. Staatsanwalt Michael von Hagen, der fünfeinhalb Jahre beantragt hatte, zeigte sich mit dem Urteil „sehr zufrieden“. Roland Weber, Anwalt von Tina K., sagte, dass er die anhaltende Diskussion um diesen Fall begrüße: „Ich hoffe, dass potenzielle Gewalttäter erkennen, dass diese Taten von dem Großteil der Bevölkerung geächtet werden und nicht ohne Konsequenzen bleiben.“ Alle Angeklagten hatten sich entschuldigt. Doch keiner hatte eine Verantwortung für den Tod des Schülers übernommen. Jeder hatte bestritten, den am Boden liegenden Jonny K. getreten zu haben. „Das Geschehen konnte nicht lückenlos geklärt werden“, so der Richter. „Der, der getreten hat, muss es mit seinem eigenen Gewissen abmachen.“

Richter Schweckendieck wandte sich an die Familie von Jonny K.: „Ich weiß, dass kein Prozess Sohn oder Bruder wiederbringt. Ich hoffe, dass wir wenigstens ein bisschen zur Aufklärung des schrecklichen Geschehens beitragen konnten.“ Tina K. beklagte fehlende Reue. „Aber ich hoffe, dass vielleicht in zehn Jahren, wenn einer von ihnen selbst einen kleinen Sohn hat, einer doch die Wahrheit sagt“, sagte Tina K. der Berliner Morgenpost. Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) teilte mit: Es sei ein wichtiges Zeichen, „dass die Schläger, die so viel Schuld auf sich geladen haben, nicht frei nach Hause gehen können.“