Karaseks Woche

Ein Kampf auf Leben und Blut

Wie die Natur in diesem Sommer zurücksticht

Kurz bevor der Sommer mit unerbittlicher Härte und glühender Faust über uns herfiel, sah ich Frank Elstners und Ranga Yogeshwars „Show der Naturwunder“, die mich diesmal mit allem, was da kreucht und fleucht, zu versöhnen versuchte. Mit den Mücken und Wespen, den Käfern und Ameisen, die doch einen nötigen Kreislauf der Natur in Gang hielten, so sehr sie uns auch lästig werden und plagen.

Da sah man in China Frauen mit Wattebäuschen Blüten bestäuben, weil die Chinesen die brummenden Bestäuber ausgerottet hatten und somit die Obsternte zu vernichten drohten. Und die Ameisen und Käfer fungierten als nötige Totengräber der Natur.

Dann aber brach der Krieg gnadenlos aus, als mich erst mitten im Hansa-Viertel in Berlin Mücken anfielen, mir riesige brennende Blattern im Gesicht verpassten und ich eine Woche später in Südfrankreich von Bremsen heimgesucht wurde. Mücken in Deutschlands vom Hochwasser heimgesuchten Osten und Bremsen/Viehfliegen (Tabanidae) im saharaähnlichen Süden Frankreichs. Ein Kampf auf Leben und Blut.

Laut „Brehms Thierleben“ haben die Rinderbremsen „obschon in ihrer äußeren Erscheinung vollkommene Fliegen, die Verwandlungsweise und ihre Weibchen die Blutgier mit vielen Mücken gemein“. Die Rinderbremse vereint also wie der Bayer österreichisches Pflichtgefühl mit preußischem Charme, Heimtücke der Mücke mit Lästigkeit der Fliege. In Frankreich überfielen sie mich bei Waldläufen, wie es Brehm beschreibt: „Durch kräftiges Gesumme verkündet die Rinderbremse … ihre holde Gegenwart, … umkreist im neckischen Spiele ihre Beute, das Weidevieh, welches bisweilen bluttriefend und schäumend vor Wuth, wenn die unersättlichen Weibchen in Menge ihre scharfen Klingen einschlagen und ihren Heberapparat wirken lassen, den Weideplätzen entläuft.“

Jetzt war ich Brehms „bluttriefendes, vor Wuth schäumendes Weidevieh“, ich stürzte, mit Armen wie mit Flügeln panisch fuchtelnd, ins Schwimmbecken, um mich zu retten, und schlug wild mit Wogen um mich her, um die Biester mit einer Flut zu verscheuchen. Die Mückensprays, die ich benutzte, halfen kaum. Die Biester hatten wohl deren Packungsbeilagen gelesen. Oder den Arzt oder Apotheker befragt.

Der Sommer geht. Rote Wunden jucken noch.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost