Justiz

Mord an Hatun Sürücü: Türkei ermittelt gegen die älteren Brüder

Mögliche Beteiligung an der Tat von 2005 wird untersucht. Berlins Justiz übermittelt Akten

– Die älteren Brüder der 2005 erschossenen Berlinerin Hatun Sürücü müssen sich eventuell doch noch einer weiteren Strafverfolgung wegen Beihilfe zu dem Mord an ihrer Schwester stellen. Die Hauptstaatsanwaltschaft der Türkei ermittelt gegen Mutlu und Alpaslan Sürücü. Die Berliner Justizbehörden haben jetzt umfangreiche Ermittlungsakten an die türkische Justiz übermittelt.

Ein ganzer Karton voll mit Hinweisen auf die Rolle der Brüder beim Mord an Hatun haben die Berliner nach Angaben des Justizressorts über das Bundesamt für Justiz an die türkische Botschaft übergeben. Die Türkei hatte im Februar dieses Jahres ein Rechtshilfeersuchen bei den deutschen Behörden gestellt, um die Ermittlungen gegen Mutlu und Alpaslan voranzubringen.

Deren jüngerer Bruder Ayhan hatte seine Schwester im Februar 2005 vor ihrer Tempelhofer Wohnung erschossen, weil sie ein unabhängiges Leben geführt und sich von den Traditionen abgewandt hatte. Der damals 18-Jährige wurde vom Landgericht Berlin 2006 zu neun Jahren und sechs Monaten Jugendstrafe verurteilt. Viele Indizien wiesen schon damals darauf hin, dass die Tat im Familienrat der kurdischstämmigen Kreuzberger Sippe verabredet worden war. So soll Mutlu die Waffe besorgt und Alpaslan während der Tat Schmiere gestanden haben. Das Landgericht sah diese Vorwürfe aber als nicht erwiesen an und sprach die älteren Brüder frei.

Der Bundesgerichtshof hob dieses Urteil ein Jahr später auf und verwies das Verfahren zurück. Die beiden Verdächtigen waren aber zwischenzeitlich in die Türkei gezogen, weswegen eine neue Verhandlung nicht stattfinden kann. Beide sind nach Angaben der Berliner Justizverwaltung international zur Fahndung ausgeschrieben. Sie können jedoch nicht ausgeliefert werden, weil Mutlu neben dem deutschen auch den türkischen Pass besitzt und Alpaslan nur türkischer Staatsbürger ist. Deutschland würde sich in einem umgekehrten Fall, in dem die Türkei deutschen Staatsbürgern den Prozess machen wollte, ebenso verhalten.

Dass die türkischen Ermittler nun selbst aktiv geworden sind und das alte Verfahren einen neuen Schub bekommen hat, hängt möglicherweise mit dem Bemühen der Türkei zusammen, sich trotz massiver innenpolitischer Probleme der Regierung Erdogan als Rechtsstaat zu beweisen. Außerdem hat Justizsenator Thomas Heilmann in den vergangenen Monaten die Kontakte zu den türkischen Behörden verbessert. So hatte er auch schon im Falle der Schläger vom Alexanderplatz dabei geholfen, dass die türkischstämmigen Täter nach Berlin zurückkamen. „Wie im Fall des getöteten Johnny K. darf es nicht sein, dass Beschuldigte sich einem Strafverfahren entziehen können, nur weil sie im Besitz einer anderen Staatsangehörigkeit sind“, sagte Heilmann. „Deshalb freue ich mich sehr über die Zusammenarbeit mit den türkischen Strafverfolgungsbehörden.“

Der Mord an der zur Tatzeit 23 Jahre alten Hatun Sürücü war der wohl spektakulärste Mord, der im Namen eines althergebrachten Begriffs von Ehre in Kreisen muslimischer Einwanderer an einer jungen Frau verübt worden war. Von Anfang an gab es erhebliche Zweifel an der Version, dass der jüngste Bruder alleine die Entscheidung getroffen und umgesetzt hatte, die Schwester für ihren unislamischen, westlichen Lebenswandel zu bestrafen, um die Familienehre wiederherzustellen.

Der Bundesgerichtshof erkannte Mängel in der Prozessführung des Landgerichts und hob deswegen den Freispruch gegen die Brüder auf. Das Gericht habe Hinweise auf eine Beteiligung der beiden nicht ausreichend gewürdigt. Vor und nach dem Mord hatte Ayhan Sürücü seine damalige Freundin Melek A. eingeweiht und dabei auch seine Brüder Alpaslan und Mutlu beschuldigt. Der Senatsvorsitzende Clemens Basdorf sagte seinerzeit, es gebe „erhebliche Anhaltspunkte für die Richtigkeit der Angaben“.