Gesundheit

Masernwelle: Nur jedes zweite Kind in Berlin ist geschützt

Hauptstädter laut neuer Studie besonders impfmüde. Deutschlandweit jede dritte Erkrankung in Berlin. Czaja befürwortet Impfpflicht

Berliner Kinder sind schlechter gegen Masern geschützt als Gleichaltrige in den anderen Bundesländern. In der Hauptstadt sind lediglich rund 58 Prozent der unter Zweijährigen zweifach gegen Masern geimpft, bundesweit sind es im Schnitt 62 Prozent, wie Wissenschaftler des Versorgungsatlasses der Kassenärztlichen Vereinigungen am Mittwoch mitteilten. Demnach gehört Berlin mit Baden-Württemberg, Bayern und Bremen zu den Schlusslichtern beim Masernschutz.

Nach den jüngsten Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung und des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) sind in Berlin in diesem Jahr bereits 439 Masernfälle gemeldet worden. 2012 waren es lediglich 18 Fälle, ein Jahr zuvor rund 160.

Laut der Studie sind vor allem gut situierte Familien besonders impfmüde. Vor allem die Bildung der Mütter spielt eine Rolle: je höher der Bildungsgrad, desto geringer die Impfquote in den einzelnen Regionen. Darüber hinaus wirke sich vermutlich auch der Einfluss impfkritischer Ärzte, Heilpraktiker und Homöopathen aus, sagte die Leiterin des Versorgungsatlasses, Sandra Mangiapane. Die Forscher haben die Abrechnungsdaten von mehr als 550.000 Kindern aus deutschen Arztpraxen ausgewertet, die im Jahr 2008 geboren worden sind. Das sind 81 Prozent des gesamten Jahrgangs.

Größere Masernausbrüche vor allem in Bayern und Berlin hatten zuletzt für bundesweites Aufsehen gesorgt. Anders als in früheren Jahren gibt es jedoch keinen klar zu definierenden Herd des Ausbruchs, also etwa eine bestimmte Schule. Die Zahl der gemeldeten Fälle pro Woche ist mit 22 konstant geblieben. Das vor den Sommerferien beobachtete Abflauen der Masernwelle hat sich somit nicht fortgesetzt.

Auffällig sind unterdessen die Unterschiede der Verteilung im Stadtgebiet. In Mitte sind 76 Masernerkrankungen gemeldet worden, in Marzahn-Hellersdorf hingegen nur zwei. Auch in Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln sind die Zahlen besonders hoch. Experten vermuten, dass in den betreffenden Gebieten mehr Impfgegner leben.

Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut warnte, Masernviren seien sehr ansteckend: „Die finden jede Impflücke.“ Insgesamt gehen die Epidemie-Experten im RKI aber nicht davon aus, dass viele Deutsche aus Überzeugung die Impfung verweigern. 92 Prozent der Schulanfänger seien geschützt, angestrebt werden allerdings 95 Prozent. Häufig werde aber zu spät geimpft.

Auch junge Erwachsene betroffen

Besonders stark werden junge Erwachsene vom Masernvirus niedergeworfen. Rund die Hälfte der Masernpatienten in Berlin ist älter als 17 Jahre, ein Viertel über 30. Gerade bei Erwachsenen kann die Krankheit einen sehr ernsten Verlauf nehmen. Von den Berliner Erkrankten im Alter von über 17 Jahren musste fast jeder zweite in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Die Daten des Landesamtes für Gesundheit und Soziales zeigen, dass fast nur Personen an Masern erkrankten, die nicht in den Genuss des vollen Impfschutzes gekommen sind. In den elf Fällen, in denen selbst bei zweimal geimpften Patienten die Krankheit ausbracht, gehen die Experten von Impfversagen aus.

Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) rief alle Berliner, besonders die über 16-Jährigen, dazu auf, ihren Impfstatus überprüfen zu lassen. Czaja sagte, er persönlich sei ein Befürworter der Impfpflicht. Das aktuelle Maserngeschehen könne jedoch nur bedingt durch eine Impfpflicht bei Kindern gelöst werden. Es gehe darum, Impflücken besonders bei Jugendlichen und Erwachsenen zu schließen. „Dadurch werden indirekt auch Säuglinge und andere Personen geschützt, die man noch nicht oder aus medizinischen Gründen gar nicht selber impfen kann“, sagte Czaja.