Bildung

Schule in Berlin: Ethikunterricht ohne Lehrer

Vor sieben Jahren wurde das neue Fach eingeführt – heute steht das Konzept vor dem Scheitern. 2000 Pädagogen fehlen

Christliche und muslimische Schüler sollen gemeinsam in der Schule Werte vermittelt bekommen, auf die sich unsere Gesellschaft gründet. Ein Kernstück der Integration soll der verpflichtende Ethikunterricht sein. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte sich vor sieben Jahren vehement für das Fach eingesetzt und es zuletzt 2011 in den Koalitionsverhandlungen von SPD und CDU energisch verteidigt. Doch in der Praxis wird das neue Pflichtfach offenbar weniger ernst genommen. Der größte Teil der Ethikstunden wird von Lehrern gegeben, die weder eine Aus- noch eine Weiterbildung in diesem Fach absolviert haben. Das geht aus der Antwort auf eine Parlamentsanfrage des Grünen-Abgeordneten Özcan Mutlu hervor. Die personelle Ausstattung des Faches sei noch zu verbessern, schreibt Staatssekretär Mark Rackles (SPD) in der Antwort.

Keine Diskutierrunde

65,3 Prozent der erteilten Stunden an den Sekundarschulen werden fachfremd unterrichtet, an den Gymnasien sind es knapp 35 Prozent der Stunden, die von nicht dafür ausgebildeten Lehrern erteilt werden. Mathematik-, Geschichts- oder Deutschlehrer bringen sich das Fach praktisch selbst bei. „Die Zahlen sind erschreckend und sieben Jahre nach Einführung des Faches nicht hinnehmbar“, sagt Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen. Der Ethikunterricht sei keine Diskutierrunde.

Im Schuljahr 2006/2007 wurde das Fach Ethik flächendeckend in den Berliner Oberschulen eingeführt. Inzwischen wird Ethik durchgängig von der siebenten bis zur zehnten Klasse mit zwei Stunden pro Woche unterrichtet. Der Lehrplan gibt sechs verbindliche Themenfelder vor. Das sind Identität, Freundschaft und Glück; Freiheit, Verantwortung und Solidarität; Gleichheit, Recht und Gerechtigkeit; Diskriminierung, Gewalt und Toleranz; Schuld, Pflicht und Gewissen sowie Wissen, Hoffen und Glauben. Jeder dieser Schwerpunkte soll im Unterricht aus der individuellen, der gesellschaftlichen und der ideengeschichtlichen Perspektive beleuchtet werden.

Der Start des Pflichtfaches wurde mit einer Weiterbildungsoffensive begleitet. Mehr als drei Millionen Euro hatte der Senat dafür bereitgestellt. Nach Angaben des Fachverbandes Ethik seien etwa 700 Lehrer je nach bisheriger Fächerkombination in ein bis drei Semestern weitergebildet worden. Heute ist ein Großteil dieser Lehrer bereits im Ruhestand. Doch der Bedarf ist gewachsen. Knapp 2000 Lehrer werden benötigt. Auch von den Universitäten kommen zu wenige Lehramtsstudenten mit der erforderlichen Qualifikation. Von 2009 bis 2012 haben nur 35 Studenten den Master im Fach Ethik absolviert, obwohl sowohl an der Freien Universität (FU) als auch an der Humboldt-Universität (HU) der Ausbildungsgang angeboten wird.

„Wenn man sich politisch für dieses Fach entscheidet, muss man auch alles dafür tun, dass es angemessen unterrichtet werden kann“, sagt Professor Michael Bongardt, Vizepräsident der FU und dort verantwortlich für das Studienangebot. An der FU wird das Fach Ethik für Lehramtsstudenten seit 2007 angeboten. Etwa 40 Studienplätze gibt es jährlich. Nach dem Bachelor können die Studenten mit dem „kleinen Master“ in einem Jahr die Lehrberechtigung für die Sekundarstufe erwerben. Den zweijährigen Master Philosophie/Ethik für die Oberstufe bietet die Humboldt-Universität an. Künftig soll es nach dem neuen Lehrerbildungsgesetz den „kleinen Master“ nicht mehr geben. „Für den zweijährigen Master Philosophie/Ethik müssen wir den Studiengang umorganisieren und neu konzipieren“, sagt Bongardt.