Gesundheit

Masern in Berlin: Minister droht mit Impf-Pflicht

Die Zahl der Erkrankungen ist von 18 Fällen im vergangenen Jahr schon auf 414 gestiegen. Auch die Bundesregierung fordert nun Konsequenzen

Angesichts der dramatisch hohen Zahl von Masernerkrankungen in Berlin und ganz Deutschland fordert Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) eine Impf-Pflicht. „Es ist verantwortungslos, wenn Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen“, sagte Bahr der „Bild“-Zeitung. Im ersten Halbjahr 2013 gab es bundesweit bereits mehr als 900 Masernfälle – 2012 waren es zwar insgesamt nur 166 Erkrankungen, 2011 waren es aber 1608 Fälle. Der FDP-Politiker erklärte, dass die Masern in anderen Ländern wie zum Beispiel Skandinavien und den Vereinigten Staaten de facto ausgerottet seien. „Aber bei uns ist die Impfrate nicht hoch genug“, kritisierte Bahr.

Auch in Berlin wird der hohe Anstieg der Masernerkrankungen mit Sorge registriert. Nach den aktuellsten Zahlen der Berliner Senatsgesundheitsverwaltung sind in der Hauptstadt mittlerweile 414 Masernerkrankungen gemeldet. Im Jahr 2012 registrierte das Robert-Koch-Institut (RKI) lediglich 18 Berliner, die an der hochansteckenden Infektion erkrankt waren.

Senat unterstützt Vorstoß

Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) begrüßt den Vorstoß des Bundesgesundheitsministers. „Ich persönlich bin ein Befürworter der Impf-Pflicht“, sagte Czaja der Berliner Morgenpost. Allerdings setze eine solche Verpflichtung sowohl eine gesellschaftliche Debatte als auch eine umfassende medizinisch-fachliche und juristische Prüfung voraus, so der Senator. In Berlin seien über die Hälfte der Erkrankten älter als 16 Jahre. „Es geht also darum, Impflücken besonders bei Jugendlichen und Erwachsenen zu schließen“, sagte Czaja.

Auffällig hoch ist die Zahl der Betroffenen, die nach einer Maserninfektion im Krankenhaus behandelt werden müssen. Von den 203 erkrankten Berlinern im Alter zwischen 17 und 58 Jahren brauchten 85 Betroffene eine stationäre ärztliche Versorgung, teilte die Senatsgesundheitsverwaltung mit.

Bei der Opposition im Abgeordnetenhaus stößt eine Pflicht zur Masernimpfung auf Kritik. „Ich glaube nicht, dass ein Zwang das adäquate Mittel ist, um die Impflücke zu schließen“, sagte Heiko Thomas, gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus. Eine Impf-Pflicht hält Thomas für rechtlich und ethisch kaum umsetzbar. „Ich gehe ganz sicher nicht davon aus, dass man die Menschen per Gesetz oder mit Polizeigewalt zum Impfen zwingen kann – geschweige denn, dass man dies tun sollte“, sagte er. Auch der Piraten-Abgeordneten Simon Kowalewski lehnt eine Impf-Pflicht ab. Diese würde das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten beschädigen.

Die Berliner Ärztekammer plädiert dagegen für eine Impf-Pflicht. Sascha Rudat, Sprecher der Ärztekammer Berlin, forderte eine klare Regelung für Kita- und Grundschulkinder. „Mein Vorschlag lautet, dass nur Kinder in die Kita dürfen oder eingeschult werden dürfen, bei denen die Eltern eine Impfung nachweisen können“, sagte Rudat.

In Deutschland gibt es immer noch große Impflücken beim Schutz gegen Masern – nicht nur in Berlin, auch im Südwesten Deutschlands und in Bayern. Einen lebenslangen Masernschutz hat nur, wer in der Kindheit zwei Mal geimpft wurde oder wer an Masern erkrankte. Besonders problematisch ist die Situation nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Ständige Impfkommission rät daher seit einiger Zeit auch all jenen, die nach 1970 geboren sind, generell zur Masernimpfung, sofern sie nur einmal oder gar nicht geimpft sind oder der Impfstatus unklar ist. Ursprünglich hatte sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Ziel gesetzt, die Masern bis 2010 in Europa zu eliminieren. In vielen Ländern sind die Impfraten bislang allerdings nicht hoch genug, um die Masern auszurotten. Neues Ziel ist jetzt das Jahr 2015. Masern können schwere Komplikationen auslösen und für die Betroffenen sogar lebensgefährlich sein. Es kann zu Gehirnentzündungen, Hirnhaut- oder Lungenentzündungen kommen. Im Durchschnitt verläuft eine von 1000 Erkrankungen durch das Virus tödlich.